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„We don’t need no education” – don’t we?

1965 ist lange her – Ludwig Erhard war Bundeskanzler, SV Werder Bremen deutscher Meister, eine Feinunze Gold kostete 35,10 $ und die Musikband Pink Floyd erblickte das Licht der Welt. Es war letztere, die maßgeblich für die Erschaffung eines neuartigen Stils verantwortlich war – dem Psychedelic Rock –und sich als bedeutender Bestandteil der westlichen Popkultur durchsetzen sollte. Pink Floyd florierte. Inmitten einer allgemein antiautoritär ausgerichteten Jugendbewegung ließ sich der Bandleader Roger Waters (u.a. auf Grundlage seiner persönlichen Schulerfahrung) zu dem Welthit „Another Brick in the Wall“ inspirieren. Der Song handelt von einer zynischen und wenig warmherzigen Lehrerschaft, deren Primärziel darin zu bestehen scheint, Schüler durch Gedankenkontrolle gemäß einer vorgefertigten Blaupause zu einem unreflektierten Mitläufertum zu erziehen. „We don’t need no education, we don’t need no thought control, no dark sarcasm in the classroom, teachers let those kids alone”. Beim Lesen dieser Zeilen merkt die ewig-kritische Lehrkraft, wie sie innerlich gegen ihren tiefsitzenden reflexartigen Drang, den Rotstift zücken zu wollen, ankämpfen muss, um der doppelten Verneinung eben nicht auf der Stelle den Garaus zu machen. Also lieber keine Bildung? Allein lassen?

Wie verquer muss sich eine Kultur entwickelt haben, wenn „Anti-Bildung“ oder auch „Anti-Intellektualismus“ als vermeintliche Lösung ausgemacht wird? Ist vielleicht der erste Schritt in die richtige Richtung, einer autoritär anmutenden Pestalozzi Statue mit einer Flasche Bacardi etwas mehr den Swag aufzudrehen? (siehe Bild) Denn da wo man sich scheinbar genauestens im Klaren darüber ist, was man nicht möchte, müsste es doch auch etwas geben wofür man eintritt. Vielleicht Individualismus? Autonomie? Aber auch diese Konzepte müssten zunächst semantisch geklärt und dann innerhalb zahlreicher Dimensionen untersucht werden (psychologisch, soziologisch u.v.m.). Wie könnte all dies mit "no education" realisiert werden?

Anti-Intellektualismus ist wohl kaum ein neuartiges Phänomen und findet sich innerhalb des Christentums selbst in der frühen Kirchengeschichte wieder. Paulus schreibt an die Korinther: „Erkenntnis bläht auf“ (1 Kor 8,1), Wissen macht stolz. Wäre der logische Umkehrschluss demnach nicht: Umso weniger wir wissen, desto weniger Entfaltungspotential bieten wir dem Wind des Hochmuts, der im Menschen steckt? Es gibt seit jeher Christen, die einer derartigen Argumentation folgen und überzeugt sind, Wissen mache unausweichlich arrogant und Erkenntnis führe unweigerlich dazu, höher von sich zu denken, als es sich gebührt. Das einzige effektive Gegenmittel ist für manche hier nur die Flucht – vom Wissen und von der Erkenntnis.

Dieser Weg war selbst einem überaus gebildeten Christen der Antike bekannt – dem Kirchenvater Hieronymus (347-420). Es sollte ihm vorbehalten sein, eine der bemerkenswertesten Errungenschaften der frühen Kirche zu bewerkstelligen: die Verfassung der Vulgata. Dennoch rang auch er mit der Frage, wie Wissen und Lernen in Beziehung zum christlichen Leben gesetzt werde können. In einem Brief an Eustochium berichtet er von einem dramatischen Traum, in dem er vor den Richterstuhl Christi gezerrt wurde. Als der Richter ihn fragte, wer er sei, erwiderte Hieronymus: „Ich bin Christ!“. Der vorsitzende Richter bezichtigte ihn daraufhin der Lüge und verwies darauf, dass er ein Nachfolger Ciceros sei und eben nicht Christi, denn wo jemandes Schatz ist, da ist auch sein Herz (Mt 6,21). Hieronymus wurde augenblicklich stumm, denn er wusste, dass er Cicero lieber las, als die Bibel – der elegante Schreibstil sprach seinen Intellekt einfach mehr an. Hieronymus flehte um Barmherzigkeit und gelobte dem Richter, fortan kein heidnisches Buch mehr anzufassen.

In dieser Spannung leben Christen seit jeher. Wie viel Zeit sollte darauf verwendet werden, Wissen zu erweitern, zu lernen, unseren Verstand zu schärfen, und wie viel Zeit für den direkten Dienst an Gott und unserem Nächsten? Steht der Kopf i.d.R. dem Herz im Weg? Sollte auf höhere Bildung bewusst verzichtet werden, da Christen sich primär auf Glauben berufen?

Ein flüchtiger Blick in die Geschichte zeigt uns, dass z.B. die Puritaner eine hohe Denkkultur tiefgreifend wertschätzten. Sie waren nicht nur hochgebildet, brachten ihren Kindern (noch ehe sie sechs Jahre alt waren) Lesen und Schreiben bei, sondern gründeten ein College in dem kleinen Ort Newtown. Zu Ehren des Gründers John Harvard sollte das College seinen Namen erhalten. Einige Jahrzehnte später gründeten Kongregationalisten ein weiteres College, mit dem Namen Yale. Im Zuge der Erweckungsbewegung reifte für einige Presbyterianer der Wunsch heran, in New Jersey ein College entstehen zu lassen – das heutige Princeton. Und sie taten all dies, da in ihnen eine starke christliche Überzeugung vorlag, Gott mit dem Verstand zu dienen, den er uns anvertraute – ihn mit unserem gesamten Verstand zu lieben. Sie waren fest überzeugt, dass die Gemeinde Jesu als Leib auch ein Körperteil benötigt, der Bildung und Wissen im Fokus hat. Menschen sollten ausgebildet werden, anderen zu helfen, Gottes Wahrheit in all ihrer Reichhaltigkeit zu erkennen und ihr Leben danach auszurichten. Denn sie wussten, im Ringen um diese Wahrheit wünscht und verdient Gott die größte intellektuelle Liebesleistung, zu der wir im Stande sind. C.S. Lewis sagte dazu: „Gott hat für intellektuelle Drückeberger genauso wenig übrig wie für alle anderen Drückeberger. Wer Christ werden will, der […] lässt sich damit auf etwas ein, was den ganzen Menschen fordert, seinen Verstand und alles andere.“ (Pardon, ich bin Christ)

Als AHF-Schulen und Kitas ordnen wir uns demnach in einer langen christlichen Denktradition ein. Gott mit unserem Verstand zu lieben ist kein passiver Prozess – auch reichen sentimentale religiöse Gedanken hier bei weitem nicht aus. Vielmehr umfasst das beste christliche Denken Erkenntnisse über Gott und die Welt – basierend auf Offenbarung, Beobachtung und sorgfältiger Abwägung (und natürlich umfasst dies auch heidnische Literatur). In diesem Prozess geht es aber eben nicht um einen kühlen Rationalismus, der den menschlichen Verstand zum Zentrum des Universums erhebt, sondern um die angemessene Verwendung unserer Gott-gegebenen kognitiven Fähigkeiten, ihn und die von ihm geschaffene Welt zu erkennen.

Eine solche Erkenntnis führt unweigerlich zu Demut, denn sie erkennt nicht nur das Ausmaß der eigenen Unkenntnis (Albert Einstein), verortet ihren Ursprung in den Gedanken des Schöpfers, sondern weiß sich in der Liebe eingebettet (nach Paulus, 1 Kor 8) – und nur da, wird sie für den Wissenden zu etwas, das nicht die eigene Arroganz, sondern andere Menschen aufbaut.

Bildnachweis: Photo by Xavier von Erlach on Unsplash

1# Smith - On Christian Teaching AHF-Buch-Summaries

     

Das erste Buch-Summary ist nun online und steht zum Download als pdf-Dokument bereit.

AHF-Buch-Summaries sind Zusammenfassungen meist englischsprachiger Werke, die uns für die Christliche Bildung bzw. die Praxis christlicher Schulen als relevant erscheinen. Es werden Werke aus Theologie, Pädagogik, Psychologie und Soziale Arbeit veröffentlicht.

 

 

 

AHF-Summarys: Lust aufs Lesen?!

Das Angebot der AHF-Akademie enthält nun 7 veröffentlichte Buchzusammenfassungen. Fünf dieser Werke sind aus dem Englischen übertragen worden. Damit wurden knapp 1400 Seiten gelesen und auf ca. 105 Seiten zusammengefasst. Weitere sind in Arbeit.

Empfehlungen und Hinweise für interessierte Leser

David I. Smith 2018 - On Christian Teaching

Statement:"Das Standardwerk, wenn es um eine vom Evangelium geprägte Pädagogik geht" (Alexander Drews)

Besonderheit: Ja, es gibt so etwas wie eine "christliche Pädagogik". Smith weist seinem Werk nach, dass das pädagogische Handeln selbst den Parametern des christlichen Glaubens entsprechen kann oder halt nicht. Dabei geht es ihm nicht primär um Inhalte, sondern um das pädagogische Agieren der Lehrkraft im Klassenraum.

Empfehlung für: Lehrkräfte und Dozenten von Hochschulen.

 

Dallas Willard 2009 - Knowing Christ Today

Statement: "Warum haben wir es versäumt, daran festzuhalten, dass Glaube sehr wohl etwas mit Wissen zu tun hat. Willard zeigt die Tragweite dieser Fehlentwicklung auf und inspiriert den Leser, wissend zu glauben" (Alexander Drews)

Besonderheit: Du interessierst dich für die großen Linien der Philosophiegeschichte der letzten zweihundert Jahre? Ein Glaube, der blind sein soll und die Vernunft nicht berücksichtigt, hat dich noch nie überzeugt? In diesem Summary findest du durchdachte Antworten, wie du das Evangelium in Jesus Christus mit der Erkenntnis (Knowing) verknüpfen kannst. Willard hat das Werk drei Jahre vor seinem Tod veröffentlicht. Hier ist viel Weisheit eines alten/weisen Philosophie-Dozenten zu finden.

Empfehlung für: Lehrkräfte, Dozenten von Hochschulen, denkende Zeitgenossen und Hobby-Philosophen.

 

Francis A. Schaeffer 2014 - Wie können wir denn leben?

Statement: "Schaeffer kann wie kaum ein anderer die großen Linien seit dem Niedergang des römischen Reiches nachzeichnen und das Dilemma des postmodernen Menschen darstellen" (Alexander Drews)

Besonderheit: Mega viel Inhalt über die Zeitgeschichte seit dem Verfall des römischen Reiches. Für alle an Geschichte Interessierten eine zusammenhängender Überblick eines der bedeutendsten christlichen Philosophen/Theologen des 20. Jhr.

Empfehlung für: Lehrkräfte (für Religion, Philosophie und Geschichte), Dozenten von Hochschulen.

 

Michael J. Cusick 2012 - Surfing for God

Statement: "Das beste Buch zum Thema Pornographie, gerade deshalb, weil es theologisch und seelsorgerlich so kompetent diese Schattenwirklichkeit unserer medialen Welt entfaltet" (Alexander Drews)

Besonderheit: Cusick hat selbst Jahrzehnte ein Doppelleben geführt. Sein Weg in die Freiheit hin zu einer verantwortungsvollen Sexualität ging über mehrere Etappen und verschiedene Erkenntnisschritte. Dieses Werk suggeriert glücklicherweise nicht, dass der Weg aus der Porno-Schlinge wie ein Zaubertrick funktioniert. Aber es vermittelt Hoffnung, dass es einen Gott gibt, der uns dazu berufen hat, dass wir "fliegen und unser Leben nicht für Würmer" verspielen (siehe die fesselnde Eingangsgeschichte im Summary). 

Empfehlung für: Betroffene, Sozialarbeiter, Seelsorger und Pastoren.

 

John Shortt 2014 - Bible-Shaped Teaching

Statement: "Es ist nicht entscheidend, dass wir die Bibel haben, sondern dass die Bibel uns hat" (James W. McClendon)

Besonderheit: Es gibt einige Missverständnisse, wie die Bibel in den Unterricht einer christlichen Schule integriert werden kann. Das Büchlein von Shortt vermeidet biblizistische Kurzschüsse und ermutigt, das Wort Gottes zu kennen und es zu leben.

Empfehlung für: Erzieher, Lehrkräfte, Schulleiter und Mitarbeiter an christlichen Schulen.

 

Patrick M. Lencioni 2014 - Der Vorteil

Statement: "Ich kann es nicht anders sagen: Das beste Buch zur Entwicklung von Organisationen bzw. zur Organisationsphilosophie - griffig, praktisch und dabei kompakt" (Alexander Drews)

Besonderheit: Lencioni zeigt überzeugt, das vitale Unternehmen auszeichnet und wie man die eigene Organisation, Gemeinde usw. hin zu einem vitalen Organismus entwickeln kann.

Empfehlung für: Kita-Leitungen, Schulleiter, Vorstand, Pastoren.

 

Peter Greer, Chris Horst 2014 - Mission Drift

Statement: "Wow, Greer & Horst fesseln mit ihren Storys im Buch. Und sie zeigen: Der Drift kommt, es sei denn, du unternimmst etwas dagegen" (Alexander Drews)

Besonderheit: Jede Organisation, die christuszentriert agieren möchte, wird in ihrem Auftrag scheitern, wenn sie nicht entschieden, zielgerichtet und fokussiert gegen den Drift vorgeht. Greer & Horst inspirieren, der spirituellen Dimension der Organisation die Top-Priorität einzuräumen. Sie selbst leben dies mit HOPE International vor, das macht sie glaubwürdig.

Empfehlung für: Kita-Leitungen, Schulleiter, Vorstand, Pastoren.

 

 

 

Charakterbildung: FAQ zu den AHF-Werten (Teil II)

Was sind Werte?

Werte sind wie ein innerer Kompass. Sie zeigen, was uns wichtig ist, wie wir uns verhalten (möchten) und warum wir tun, was wir tun.

Was sind Tugenden?

Manche verstehen den Begriff der Tugend im Gegensatz zu Werten als eine universale Verhaltensweise, die in allen Kulturen geschätzt wird.1 Wir verwenden diesen Begriff dagegen synonym zu dem Begriff der Werte. Der Tugendbegriff unterstreicht präziser die gelebte Praxis eines Wertes.

Wie werden Werte im Allgemeinen verstanden?

Patrick M. Lencioni unterscheidet Grund-, Wunsch-, Mindest- und Zufallswerte voneinander.2

  • Grundwerte sind wie die Kohlensäure im Mineralwasser - sie 'durchziehen' die Persönlichkeit bzw. Organisation in ihrem inneren Wesen. Wir nennen sie auch 'Bauch-Werte', weil sie gefühlt und intuitiv erlebt werden.
  • Wunschwerte sind Eigenschaften, die eine Person bzw. Organisation gerne hätte oder sich unbedingt aneignen will. Wir nennen sie auch 'Kopf-Werte', weil sie an den Willen appellieren und bewusst vorgenommen werden.
  • Mindestwerte sind Verhaltensstandards, die im Allgemeinen anerkannt sind und eine grundsätzliche Basis des gemeinsamen Lebens ermöglichen (z.B. in Deutschland Pünktlichkeit).
  • Zufallswerte sind Merkmale, die sich bei einer Person oder Unternehmen herausbilden, jedoch ungewollt und nicht immer förderlich sind (z. B. Uniformität in einem Unternehmen).

Wie verstehen wir die zwölf AHF-Werte?

In unseren Kitas und Schulen prägen wir diese Werte: Gottvertrauen, Gemeinschaft, Dankbarkeit, Selbstannahme, Ehrlichkeit, Vergebungsbereitschaft, Respekt, Gerechtigkeit, Dienen, Verantwortung, Kreativität und Fleiß.

Sie sind für uns Grundwerte, d.h. sie werden in unserer Gemeinschaft intuitiv erlebt. Und sie sind für uns gleichzeitig Wunschwerte, die wir anstreben und zu erreichen suchen.

Warum sind Werte wichtig?

Werte sind wichtig, weil sie die Persönlichkeit des Individuums bzw. die Kultur einer Organisation prägen.

Warum sind Werte für die pädagogische Arbeit wichtig?

Es ist unsere Vision, dass junge Menschen eine wertvolle Bildung erfahren und zu verantwortungsvollen Persönlichkeiten heranwachsen. Wir sind überzeugt, dass nicht nur der Wissenstransfer, sondern auch die Charakterbildung in Kita und Schule wichtig ist. Die Bindungsforscherin Maria Schmidt hat in diesem Zusammenhang den inspirierenden Begriff der Herzensbildung geprägt.

Welchen Nutzen haben Mitarbeiter, wenn bestimmte Werte in einer Organisation gefördert werden?

Mitarbeiter wissen, woran sie dran sind. Werte geben Sicherheit und erhalten die Vitalität einer Organisation, weil sich alle Mitarbeiter - unabhängig der Position und Funktion - daran orientieren möchten.

Welchen Nutzen haben Mitarbeiter, wenn bestimmte Werte im pädagogischen Alltag gefördert werden?

  • Kinder und Jugendliche erleben in allen Bildungseinrichtungen dieselben Werte, die in unterschiedlichen altersgemäßen Ritualen erlebt werden können.
  • Die Fokussierung auf eine begrenzte Anzahl von Werten begünstigt die Reflektion und die gedankliche Auseinandersetzung mit diesen Werten.
  • Die Werte sind nicht ein add-on der sonstigen Arbeit, sondern sie sollen die Atmosphäre im Morgenkreis, auf dem Spielplatz, auf dem Pausenhof und im Unterricht prägen. Die Werte beeinflussen das Klima der Gemeinschaft und fördern damit das Positive im Kita- und Schulalltag.

Was ist die Grundlage der AHF-Werte?

Die AHF-Werte knüpfen inhaltlich beim Wesen Gottes an und werden vom Evangelium in Jesus Christus getragen.

Im Epheserbrief 5,1 werden Christen aufgefordert, zu Nachahmern Gottes (lat. imitatio dei) zu werden: "Nehmt euch daher Gott selbst zum Vorbild; ihr seid doch seine geliebten Kinder!". Der Begründungszusammenhang ist offensichtlich: Kinder spiegeln im Allgemeinen das Wesen und die Kultur ihrer Eltern wider. Christen sollen sich daher am Wesen ihres Vaters orientieren. Andere Belege in der Bibel legen nahe, dass offensichtlich nur die beziehungsorientierten Eigenschaften Gottes gemeint sein können. An keiner Stelle werden Christen aufgefordert, den sogenannten ontologischen Eigenschaften Gottes nachzueifern (Allmacht, Allgegenwart usw.). Die AHF-Werte beziehen sich also darauf, wie Gott selbst sich in seiner Beziehung zur Welt offenbart.

Die AHF-Werte werden vom Evangelium in Jesus Christus gehalten. Im Evangelium hören wir den Zuspruch Gottes an uns. Christus sagt: "Ich habe dich geliebt." Weil der Herr uns seine Liebe zusichert, können bzw. möchten wir (aus Dankbarkeit) einander lieben (vgl. Epheserbrief 5,2). Die Orientierung am Evangelium in Jesus Christus bewahrt uns davor, die Werte nur moralisch zu interpretieren. Darüber hinaus macht das Evangelium in Jesus Christus deutlich, dass Gott selbst in uns die Veränderung des Charakters bewirken möchte.

Wieso gerade diese 12 Werte?

Gruppenentscheidungen leben von Kompromissen. Es sind Werte, auf die wir uns nach bestem Wissen und Gewissen in einem Gremium von ca. 15-20 Personen in einem längeren Prozess im Jahr 2018 geeinigt haben.

Werden nur diese 12 Werte in den AHF-Kitas und -Schulen geprägt werden?

Keineswegs. Selbstverständlich können und werden Einzelne auch andere Werte in die pädagogische Arbeit einbringen (z.B. Mut bzw. Tapferkeit).

Können Werte zu Einseitigkeiten führen?

Ja, Werte können - im Extrem gedacht - eine negative Schlagseite erhalten. So kann der Wert Dienen einen Sinn von 'Unterwürfigkeit' bekommen. Der Wert Ehrlichkeit verliert seine positive Kraft, wenn er schonungslos und ohne Rücksicht auf Verluste ausgelebt wird.

Solche Einseitigkeiten sind zu vermeiden, indem wir uns am Wesen Gottes (Gott selbst ist in seinen Eigenschaften komplementär) orientieren und die Werte selbst einander begrenzen (z. B. Ehrlichkeit erfährt eine gesunde Begrenzung durch Respekt.).

Bedeutet dies, dass vor dem Jahr 2018 keine Werte an den AHF-Kitas und -Schulen gelebt wurden?

Natürlich nicht. Eine Pädagogik ohne Werte gibt es nicht.

  

"Menschen, die keine Werte haben, sind logischerweise... wertlos. Und wissen sie, wie man sich fühlt, wenn man wertlos ist? Nicht gut." Johannes Warth, Redner, Autor und Ermutiger

 

1 Popov, Linda Kavelin (2014): Wege zur Charakterbildung. Tugenden und Lebensqualitäten für Kinder und Jugendliche; Ein praktischer Ansatz für Erzieher, Lehrer und alle, die Kinder und Jugendliche in ihrer Persönlichkeitsentwicklung positiv unterstützen wollen. The Virtues Project. Jenbach: Shira Publishing.

2 Lencioni, Patrick M. (2014): Der Vorteil. Warum nur vitale und robuste Unternehmen in Führung gehen. Weinheim: Wiley-VCH Verl. S. 98-104.

 

 

 

Charakterbildung: Wie lässt sich Charakter messen? (Teil III)

Wenn nun charakterliche Reife so gefragt ist, wie lässt sich diese Reife eigentlich feststellen? Lässt sich der Charakter eines Menschen etwa messen? Oder könnte man die charakterliche Reife bewerten? Und wie stellen Bildungseinrichtungen für sich fest, ob sie bei der Charakterbildung junger Menschen Erfolg haben?

Zugegeben, manchen bereiten solche Fragen großes Unbehagen. Sie vermuten hier das üble Werk der Unternehmensberater McKinsey oder den Evaluationshype irgendeines Instituts. Doch die Sorge ist unberechtigt. Und eigentlich gebietet es doch der gesunde Menschenverstand, solche oder ähnliche Fragen zu stellen. Wenn eine Bildungseinrichtung die Charakterbildung auf ihre Fahnen schreibt, ist selbstverständlich danach zu fragen, ob und wie denn eine solche Bildung erreicht wird. Wer für sich kocht, möchte im Allgemeinen davon essen. Und wer Zeit, Mühe und Geld für einen Führerschein investiert, möchte im Allgemeinen danach auch Auto fahren. Deshalb ist die Fragestellung "Wie lässt sich Charakter messen?" einer gesunden Neugier geleitet.

Steven L. Porter (Biola University), Steven J. Sandage (Bosten University), David C. Wang und Peter C. Hill (Biola University) ließen sich auch von ihrer Neugier inspirieren und haben einen interessanten Artikel veröffentlicht, dessen Thesen ich im Folgenden wiedergeben möchte: 

Measuring the Spiritual, Character, and Moral Formation of Seminarians: In Search of a Meta-Theory of Spiritual Change (Die Messung der geistlichen, charakterlichen und moralischen Entwicklung von Hochschulabsolventen: Auf der Suche nach einer Meta-Theorie der spirituellen Veränderung).1

Einleitung

Steven L. Porter u. a. haben vor allem Absolventen von theologischen Fach- und Hochschulen im Blick, wenn sie die Frage nach der spirituellen und charakterlichen Eignung stellen. Gleichwohl kann eine mögliche Meta-Theory auch für andere Bildungseinrichtungen relevant werden. Das ist auch deshalb der Fall, weil der Untersuchungsgegenstand von vornherein einen interdisziplinären Zugang voraussetzt.

Zur Terminologie und einigen Vorbemerkungen

(1) Die 'Meta-Theorie der spirituellen Veränderung' ist der Versuch, eine abstrakte und anspruchsvolle Konzeption der spirituellen, charakterlichen und moralischen Transformation darzustellen, die in spezifischen Kontexten und verschiedenen christlichen Traditionen konkretisiert werden kann. Es ist also nicht so sehr eine Theologie der positiven Veränderung, die sich auf eine bestimmte Tradition oder einen bestimmten Zugang des Christseins bezieht. Es geht um eine Meta-Theorie, die unabhängig einer bestimmten Konfession konzipiert wird.

(2) Es ist zwischen dem spirituellen, charakterlichen und moralischen Aspekt zu unterscheiden.

Die spirituelle Entwicklung ('"spiritual" formation') bezieht sich auf die Beziehung eines Individuums oder einer Gruppe zu Gott. Es ist das, was im Allgemeinen als heilig bzw. fromm verstanden wird (z. B. die Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott, die Gegenwart Gottes, Erfüllt sein mit dem Heiligen Geist usw.).

Die charakterliche Entwicklung ('"Characterological" formation') bezieht sich auf eingeübte Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften (z. B. Freundlichkeit, Großzügigkeit, Empathie usw.).

Die moralische Entwicklung ('"moral" formation') meint die wahrnehmbaren Verhaltensweisen und Tugenden eines Individuums oder einer Gruppe (z. B. Vergebungsbereitschaft, Dienen, Feindesliebe, usw.).

Vorbemerkungen: (a) Die Theorie ist ökumenisch, d.h. sie wird nicht für eine spezielle Konfession entwickelt. (b) Bei der Untersuchung werden sowohl die tatsächliche Veränderung ("realized change") sowie die Veränderung, die noch in der Entwicklung ist ("processes of change") berücksichtigt. (c) Die Theorie ist epistemologisch offen für Erkenntnisse aus der Theologie sowie der Psychologie.

Sechs theologische Grundannahmen der christlichen Veränderungspraxis

Nach Ansicht von S. L. Porter u. a. müssen folgende sechs Grundannahmen vorliegen, damit Transformationsprozesse überhaupt geschehen können. Diese Annahmen spiegeln die Haltung der Individuen bzw. der zu untersuchten Gruppe wider.

1. Die positive geistliche, charakterliche und moralische Veränderung wird hoch geschätzt und wird erwartet.

Auch wenn die einzelnen christlichen Konfessionen der Veränderung unterschiedlich priorisieren und füllen, sind sich doch alle Traditionen darin einig: Es gehört wesentlich zum christlichen Glauben, in seiner Beziehung zu Gott, in seinem Charakter und der moralischen Lebensführung zu wachsen. In den Paulusbriefen findet sich sogar das Konzept der Umgestaltung in das Ebenbild Christi (vgl. Römer 8,29). Und in Galater 4,19 wünscht es Paulus, dass "Christus in euch Gestalt gewinne". Auch wenn eine eschatologische Dimension hier mitzudenken ist, kann man festhalten: Paulus rechnet mit einer Transformation im Hier und Jetzt.

Dabei ist wichtig anzumerken: Alles Wachstum wird von Gott her gedacht. Und es bezieht sich auf die Beziehung zu Gott, auf den Charakter und die moralische Lebensführung. Zudem impliziert die Veränderung stets etwas Positives, was als Prozess der christlichen Lebensführung angesehen wurde. Das bedeutet aber nicht, dass die Veränderung nicht gerade durch Situationen des Schmerzes und des Leids hervorgerufen wird.

2. Die positive geistliche Veränderung ist verbunden mit einer positiven charakterlichen und moralischen Entwicklung.

Der Zusammenhang zwischen der Spiritualität und dem Charakter ist sowohl bei Jesus (Johannes 15) als auch bei Paulus (Galater 4,65) offenkundig. Dieses Prinzip bewahrt davor, Veränderung als eine einzige mechanische Methode zu sehen. Alle Dimensionen der Veränderung (spirituelle, charakterliche und moralische) sind miteinander verwoben.

William Alston hat die Wirksamkeit Gottes im Veränderungsprozess folgendermaßen beschrieben: a) Gott ordnet auf übernatürliche Weise eine Entwicklung in uns an (Veränderung von oben / fiat modell; vgl. Philipper 1,6). b) Gottes Gegenwart bewirkt eine Entwicklung in uns (beziehungsorientierte Veränderung / interpersonal model; Johannes 15,1-8). c) Die Teilhabe an der göttlichen Natur bewirkt in uns eine Entwicklung (das Leben-Teilen-Modell / life-sharing model).

3. Die positive geistliche, charakterliche und moralische Veränderung geschieht (stets) in Gemeinschaft mit anderen.

Die Bedeutung der Gemeinschaft für eine Transformation haben Aelred von Rievaulx (Geistliche Freundschaft) und Dietrich Bonhoeffer (Gemeinsames Leben) beschrieben (vgl. auch Hebräer 10,24-25). Der Aspekt der Gemeinschaft kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

4. Es existieren verschiedene Hindernisse zu einer positiven geistlichen, charakterlichen sowie moralischen Veränderung.

Er herrscht in der christlichen Tradition Einigkeit darüber, dass positives und geistliches Wachstum nicht von alleine oder einfach geschieht. Wegen der Sündhaftigkeit und Gebrochenheit des Menschen und der seufzenden Schöpfung (Römer 8) bleiben auch nach einer 'Geburt von oben' (vgl. Johannes 3) Hindernisse beim Veränderungsprozess bestehen. Die Bibel und die christliche Tradition haben die Gründe dafür in der 'Welt', beim 'Fürsten dieser Welt' und in der sündigen Natur des Menschen (seinem 'Fleisch') gesehen.

Es ist auch wichtig anzumerken, dass Hindernisse auf systemischer Ebene liegen können. Hier wirken auf struktureller Ebene destruktive Kräfte, die eine Veränderung zum Positiven behindern (z. B. Ausgrenzung, Rassismus, soziale Benachteiligung, Armut, Korruption usw.).

5. Nur ein Bündel aus unterschiedlichen Praktiken und Ritualen bewirkt eine positive Veränderung.

Die christliche Tradition hat von Anfang an die Hinwendung zu Gott nicht allein als ein Glaubenssystem, sondern als einen Ruf zu einer veränderten Lebensweise interpretiert. Schon die Bergpredigt Jesu betont die Praxis des Glaubens. Viele der frühesten Schriften befassen sich mit Instruktionen eines christlichen Lebens (vgl. Die Didache, Paedagogus von Clemens von Alexandria usw.). Der christliche Glaube ist eine lebende Tradition ethischer Veränderung.

Wichtig ist auch zu erkennen, dass bestimmte christliche Praktiken direkt mit der spirituellen Dimension des Glaubens in Verbindung stehen (z. B. das Gebet). Zugleich gibt es Praktiken, die auch ohne Bezug auf den christlichen Glauben praktiziert werden können und auch eine positive Wirkung auf den Veränderungsprozess entfalten (z. B. das Fasten).

6. Erworbene Tugenden sind in einer positiven Veränderung mit enthalten.

Es hilft hier, an die Unterscheidung der Tugenden nach Thomas von Aquin zu denken: Er schrieb von "infizierten" und "erworbenen" Tugenden. Infizierte Tugenden sind übernatürliche Wirkungen Gottes auf das Individuum. Erworbene Tugenden werden durch eine eingeübte Praxis und Verhalten - ohne einer direkten Wirkung Gottes und auf dem Hintergrund der 'natürlichen Gnade' - erworben. Daher ist bei der geistlichen, charakterlichen und moralischen Entwicklung stets auch an diese Dimension zu denken, die von Menschen im Allgemeinen erworben werden können.

Das Integrieren des Relational Spirituality (RS) model in die Meta-Theorie

Das vom Bethel Seminar entwickelte RS-Modell eignet sich gut für die Darstellung einer Meta-Theorie. Das RS-Modell versteht unter Spiritualität "ways of relating with the sacred" (19) und geht davon aus, dass für eine geistliche Entwicklung ein ausgewogener Prozess zwischen spiritual dwelling (d.h. stabilisierende Faktoren des religiösen Lebens) und spiritual seeking (d.h. neue und komplexe Zugänge des religiösen Lebens) geschehen muss. Es ist also ein Wechselspiel aus spiritueller Bestätigung (z. B. beim Bibellesen, im Hauskreis, im Schulgottesdienst usw.) und spiritueller Suche (z. B. Veränderung des Gottesbildes, kritische Reflektion eigener religiösen Tradition usw.) im Sinn. Beide Aspekte bedingen sich.

Das RS-Modell beschreibt einen dreifachen Weg der Reinigung (purification), Erleuchtung (illumination) und der Einheit (union), den Individuen zu bestreiten haben, um im Zyklus der spirituellen Bestätigung und Suche Fortschritte zu erleben. Im Prozess der Reinigung werden bisherige Einsichten über sich selbst, über Gott, die Kirche, spirituelle Rituale hinterfragt (purification). Dies kann im Einzelfall auch Ängste und Spannungen auslösen. Viele Theologiestudenten berichten z. B. über innere Zweifel und Kämpfe, das neue Einsichten und Fragen ihre bisherige auf den Prüfstand stellen. Auf diesem Weg braucht es tragfähiger und einleuchtender Einsichten (illumination) und das Einbinden der neuen Wahrheiten in das bisherige Denkgefüge (union). "In all, this model assumes that spiritual maturity involves an integration of spiritual dwelling and seeking over time" (21). Insgesamt kann man nach diesem Modell davon ausgehen, dass Phasen des spirituellen Wohlergehens mit Phasen des spirituellen Spannung abwechseln, wenn nachhaltige Transformationsprozesse geschehen sollen. Dabei können Individuen auch Phasen der Veränderung abbrechen und zum unreifen Verhalten zurückkehren. "Furthermore, the model highlights the intensification that often occurs in formation in which one’s previous mode of spirituality breaks down and requires a renewed process of spiritual seeking" (23).

Empfehlungen zur Messung der spirituellen Reife bei Absolventen theologischer Fakultäten

Ausgehend von den sechs Grundannahmen und der empirischen Forschung rund um das RS-Modell lassen sich folgende Empfehlungen für die Entwicklung eines 'Messinstruments spiritueller, charakterlicher und moralischer Reife' formulieren:

(1) Für das Messen des Entwicklungsprozesses ist nach stabilisierenden Gotteserfahrungen, einer niedrigen religiösen Engstirnigkeit, nach einer differenzierten Selbsteinschätzung, nach vorhandenen und etablierten sicheren Beziehungen, nach dem authentischen Engagement bei spirituellen Ritualen, nach Tugenden, interkultureller Kompetenz, spirituellen Kämpfen, nach einer authentischen Auseinandersetzung mit spirituellen Praktiken zu fragen.

(2) Da die geistliche Reife mit verschiedenen Hindernissen verbunden ist, einschließlich der Selbsttäuschung und zunehmender Selbsterkenntnis, und da der Prozess der spirituellen Suche Ängste hervorrufen kann, sollten Befragungen sensibel für die Vorstellung sein, dass eine Zunahme der spirituellen Reife oft mit einer Zunahme der spirituellen Desorientierung einhergeht. Und weil Reife oft Zeiten der spirituellen Suche benötigt, die für sich Stress und Ängste hervorrufen kann, könnten Befragungen auch eine Abnahme des positiven Wohlergehens zeigen. Dieser Zusammenhang braucht daher nicht zu überraschen.

(3) Es ist denkbar, dass die charakterliche und moralische Reife auch unabhängig einer Beziehung zu Gott im engeren Sinne geschehen kann. Das wird vor allem in den Kontexten zu beobachten sein, in denen eine naturalistische Tugendentwicklung sowieso kulturell verortet ist (vgl. z. B. einige asiatische Kulturen mit ihrer Betonung für Fleiß und Hingabe). Daher ist charakterliche und moralische Reife nicht automatisch verbunden mit einer spirituellen bzw. geistlichen Reife.

(4) Um dem letzten Aspekt (bzw. Problem) zu begegnen, könnte man nach einzigartigen christlichen Tugenden fragen, um den genuin christlichen Heiligungsprozess empirisch abzusichern. So könnte man nach Freude und Frieden inmitten von Leiderfahrungen oder nach praktizierter Feindesliebe fragen. 

Mein Fazit

Was lässt sich nun für das Messen der Charakterbildung im Allgemeinen und konkret für die AHF-Schulen sagen? Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus dem Artikel von S. L. Porter u. a. ziehen? In Thesen sollen die wesentlichen Erkenntnisse dargestellt werden.

A. Das Messen der spirituellen, charakterlichen und moralischen Reife setzt naturgemäß ein gewisses Reflektionsniveau und Lebensalter voraus. Befragungen machen also erst bei Teenagern aufwärts Sinn.

B. Bei den charakterlichen und moralischen Aspekte gibt es große Überschneidungen. Befragungen können also nur zwischen spirituellen und charakterlichen (inkl. moralische) Dimensionen differenzieren.

C. Befragungen müssten stets systemisch entwickelt werden, d.h. sie berücksichtigen die gemeinschaftsbezogenen und milieuspezifischen Aspekte sowie die unterschiedlichen Dimensionen der Reife sowie die verschiedenen Rituale und Praktiken.

D. Befragungen werden sich auf bestimmte praktischen Situationen der Befragten und ihrer Lebenswelt beziehen.

E. Weil Transformationsprozesse stets von Phasen der Entspannung und Anspannung begleitet werden, ist es wünschenswert, wenn die Schülerinnen und Schüler ca. alle zwei Jahre befragt werden. 

 

Porter, Steven L.; Sandage, Steven J.; Wang, David C.; Hill, Peter C. (2019): Measuring the Spiritual, Character, and Moral Formation of Seminarians. In Search of a Meta-Theory of Spiritual Change. In: Journal of Spiritual Formation and Soul Care 12 (1), S. 5–24.

Bildnachweis: https://golive-solingen.de/die-axt-schaerfen-zeit-fuer-charakterbildung/

 

 

 

Charakterbildung: Worauf es ankommt? (Teil I)

Am Wochenende des Labor Day im Jahr 1900 suchten viele Einwohner von Galveston Island in Texas beim Waten durch das frische Wasser des Golfs von Mexiko Abkühlung von dem ungewöhnlich warmen Septemberwetter. Niemand vermutete, dass beinahe die Hälfte der 37.000 Einwohner bald sterben oder auf einen Schlag obdachlos werden würde, getroffen vom schrecklichsten Hurrikan der Geschichte. An jenem verhängnisvollen Samstagabend steuerte ein Hurrikan mit Windgeschwindigkeiten von über 200 km/h und Böen von bis zu 320 km/h direkt auf Galveston zu. In der Sprache des heutigen Wetterdienstes war das ein „Hurrikan der Kategorie 4".
Die offizielle Wettervorhersage in den Nachrichten von Galveston hatte angekündigt: „Samstag Regen mit starkem nördlichem Wind; Sonntag Regen, danach Aufklaren." Doch dann brach der Sturm los. Nachmittags um 13.00 Uhr war aus dem Regen ein Sturm geworden, bis 17.00 Uhr erreichte der Wind Hurrikan-Geschwindigkeiten und um 20.30 Uhr stand der Wasserspiegel sechs Meter über Normal. Innerhalb dieser kurzen Zeit waren die meisten Häuser auf der Insel überflutet oder weggeweht worden.
Einige Tage zuvor hatten Berichte von einem weit entfernten Wetterdienst von Galveston erreicht, aber keine große Unruhe ausgelöst. „Die gewöhnlichen Zeichen, die das Nahen von Hurrikans ankündigen, waren in diesem Fall nicht vorhanden", schrieb Isaac M. Cline, Galvestons altgedienter Direktor des Wetterdienstes. Isaac selbst lebte drei Blocks vom Strand entfernt, aber bezeichnenderweise sah er keine Notwendigkeit, seine schwangere Frau (die ertrank), seinen Bruder oder die Kinder beider Familien zu evakuieren.
Warum? Isaac M. Cline selbst hatte vorhergesagt, dass kein Hurrikan der Stadt ernsthaften Schaden zufügen könne. „Ein absurder Irrglaube", so hatte er die Angst bezeichnet, dass ein Hurrikan eine ernste Gefahr für die aufblühende Stadt Galveston darstellen könnte.
Aufgrund von Gutachten hatte Galveston den Vorschlag, einen Seedeich zu errichten, als unnötige, verschwenderische Ausgabe abgelehnt. Als Folge davon vertrauten die Menschen in dieser schönen Stadt immer mehr darauf, dass sie jedem Sturm standhalten würden. Sie erwarteten keine Böen von 320 km/h, die wie ein dreißig Tonnen schweres Gewicht gegen die Häuserwände schlagen und sie zerfetzen würden, als wären die Balken nur Streichhölzer. Sie erwarteten niemals fünfzehn Meter breite und drei Meter hohe Wellen mit einem Gewicht von 36 Tonnen. Das waren Wellen mit einer unermesslichen Zerstörungskraft. Mit einer Geschwindigkeit von knapp 50 km/h entwickelten sie eine Stoßkraft von fast 21.000 Tonnen. Es ertranken so viele Menschen, dass noch monatelang Leichen an den Strand gespült wurden. Isaac M. Cline aber hatte einen so starken Sturm nicht erwartet.1

Diese tragische Geschichte steht symbolhaft dafür, dass verschiedene Stürme dem Leben der Menschen zusetzen. Stürme sind Krisenerfahrungen. Sie verlangen den Beteiligten alles ab. Sie sind real und können auch häufig nicht vermieden werden. Seit der Antike setzte sich die Einsicht durch, dass gelingendes Leben trotz der Stürme möglich ist. Die antiken Philosophen wie Sokrates, Platon, Aristoteles u. a. haben das gelingende Leben an einen tugendhaften Charakter geknüpft. Charakter kann geprägt werden, Tugenden können eingeübt werden. Charakterbildung ermöglicht ein gelingendes Leben.

 "Charakterbildung geschieht nicht im Sturm, aber der Charakter erweist sich im Sturm. Und Stürme werden kommen."

 1. Charakterbildung hat August Hermann Francke (1663-1727) vorgelebt.

Kaum jemand wird wohl den Wert eines gefestigten Charakters bestreiten. Es scheint sich die Einsicht durchzusetzen, dass bei der heutigen Explosion des Wissens und der Informationsflut es zukünftig auf Charakter (Persönlichkeit) und Kompetenzen (angewandtes Wissen) ankommen wird. Den AHF-Kitas und -Schulen ist eine werte-orientierte Bildung von Anfang an wichtig gewesen. Hierbei ist auch das Vorbild des Namenspatrons, August Hermann Francke (1663-1727) prägend: Francke war ein ausgezeichneter Pädagoge seiner Zeit. "Er sammelte die verwahrlosten Kinder von der Straße, die daran gewöhnt waren, zu stehlen und das Gestohlene zu verkaufen. Er unterrichtete sie und gab ihnen Schulbücher mit nach Hause. (...) Er wollte in diesen heruntergekommenen Kindern die Ebenbildlichkeit Gottes entdecken und sie hervorlocken."2

2. Charakterbildung gelingt nur in Gemeinschaft.

Seit 2018 haben sich die AHF-Kitas und -Schulen auf zwölf Werte geeinigt, die in besonderer Weise die Kita- und Schulgemeinschaft prägen sollen. Diese Werte sind: Gottvertrauen, Gemeinschaft, Dankbarkeit, Selbstannahme, Ehrlichkeit, Vergebungsbereitschaft, Respekt, Gerechtigkeit, Dienen, Verantwortung, Kreativität, Fleiß.

Die Besonderheit dieser Werte-Konzeption liegt darin, dass sie sich auf Kinder, Jugendliche, Erzieher, Lehrer und  Mitarbeiter bezieht. Die Charakterbildung wird nicht umgesetzt, indem junge Menschen nur als Objekte der Charakterbildung angesehen werden, die auf diese Werte hin 'beschult' werden müssen. Vielmehr wird hier vorausgesetzt, dass erst in Gemeinschaft mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eine gelingende Werte-Pädagogik geschehen kann.

Die Festlegung der zwölf Werte bedeutet nicht, dass andere Werte wie etwa Mut, Klugheit, Exzellenz usw. nicht wichtig seien. Vielmehr waren hier pragmatische Gründe ausschlaggebend. Wie ein 'Ja' auch viele 'Neins' nach sich zieht, wollte man aus einer Vielzahl von Werten eine überschaubare Anzahl finden. Und so hat ein Gremium von 15-20 Personen in einem längeren und moderierten Prozess diese Entscheidung getroffen. Zum anderen braucht Charakterbildung auch stets einen Fokus. Charakterbildung kann nur dort gelingen, wo man sich auf bestimmte Werte bzw. Tugenden fokussiert. Die antike Philosophie hat mit ihrem Konzept der Kardinaltugenden ein gutes Vorbild dafür geliefert.

1 Scazzero, Peter (2015): Das Paulus-Prinzip. Warum Schwäche ein Gewinn sein kann. Marburg: Francke. S. 142-143.

2 Schneider, Sabine (2008): 20 Jahre AHF. Lage: Lichtzeichen. S. 30-31.

Bildnachweis: https://golive-solingen.de/die-axt-schaerfen-zeit-fuer-charakterbildung/

Christliche Bildung (Christian Education)

Christliche Bildung kann nur multiperspektivisch gedacht und gestaltet werden. Es können im Allgemeinen fünf verschiedene Perspektiven eingenommen werden.

Die Persönlichkeit der Lehrkraft (Impact)

Eine Lehrkraft kann nicht nicht beeinflussen (nach P. Watzlawick). Der Einfluss der jeweiligen Lehrkraft unterscheidet sich lediglich im Wirkungsgrad, also der Tiefe des Einflusses (z. B. Klassenlehrer, Fachlehrer usw.) sowie in der Art (positiv/negativ) des Einflusses.

Die vom Evangelium in Jesus Christus geprägte Lehrkraft bringt ihre gesamte Persönlichkeit in den Unterrichtsalltag ein. Christliche Bildung wird dort gelingen, wo Lehrkräfte authentisch ihren Glauben einbringen.

Das pädagogische Handeln (Education)

Gemeint ist hier nicht die geistesgeschichtliche Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Konzepten der Didaktik, sondern der Prozess des Unterrichtens selbst.

Das latent wirkende Weltbild (Worldview)

Jede Lehrkraft hat ein eigenes Weltbild, das sich latent oder explizit die gesamte pädagogische Wirklichkeit auswirkt. Eine ehrliche und kritische Selbstreflektion ist unabdingbar, um bestimmte Annahmen zu durchschauen und diese gemäß dem Gebot aus dem Römerbrief 12,1-2 durch ein biblisch-christliche Perspektive zu ersetzen.

Es wäre ein Missverständnis, würde man das Weltbild eines Menschen nur mit seiner Sicht zu den religiösen Fragen gleichsetzen bzw. voraussetzen, dass das Weltbild eine Ansammlung von „Glaubenssätzen“ über die Wirklichkeit ist. Es scheint vielmehr, dass das Weltbild tief im Herzen eines Menschen verankert ist und eher als eine Story (eine Geschichte) wirkt. Der Mensch erklärt sich die Entstehung der Welt, sein Dasein und den Sinn des Lebens mittels einer Geschichte, einer Story.

Das Curriculum bzw. das jeweilige Unterrichtsfach (Content)

Lehrkräfte an einer christlichen Schule sollen unterrichten. Neben der pädagogischen Qualifikation wird selbstverständlich eine den staatlichen Schulen mindestens gleiche fachwissenschaftliche Qualität erwartet. Sie sind zudem verpflichtet, den 'gesamten' Unterricht durch das dem Bekenntnis zugrunde liegende 'alle Lebensbereiche umfassende' Weltbild zu prägen.

Der kulturelle Kontext (Context)

Im Blick auf den Kontext wird man zwei Aspekte im Zusammenhang mit christlicher Bildung berücksichtigen müssen.

  • A) Das Verhältnis des christlichen Glaubens zur Kultur
  • B) Der unmittelbare Kontext der Bildungseinrichtung

A) Christen haben sich im Laufe der Geschichte ganz unterschiedlich zur Mehrheitskultur verhalten. Christliche Bildungseinrichtungen werden sich mit ihrem Blick auf die Mehrheitskultur auseinandersetzen müssen.

B) Ganz entscheidend ist auch der unmittelbare Kontext der jeweiligen Bildungseinrichtung. Welche Milieus dominieren in der Schüler- und Elternschaft? Wer sind die ideellen Unterstützer? In welchem Sozialraum ist die Bildungseinrichtung verortet? Usw.

Grafik Christliche Bildung

Christliche Bildung zählt - das neue Magazin von TEC

The Excellence Center (TEC), unser Kooperationspartner, hat das dritte Magazin "ChristianEducation Matters" veröffentlicht. Hauptthema des Magazins ist die Entdeckung der Stille. Miroslav Volf, der ein Webinar auf der Konferenz Barnabas Online Conference 2020 - Connected: building community in a fractured world hielt, sagte

"Vielleicht kann uns die Corona-Zeit helfen, die Wichtigkeit und Stellenwert der Stille neu zu entdecken." (S. 15).

 

Das 3. Gebot vs. die digitale Welt

Das dritte Gebot lautet: "Denke an den Sabbattag und halte ihn heilig" (Exodus 20,8). Martin Luther übersetzt plakativ - "Du sollst den Feiertag heiligen" - und stellt fest, dass äußerlich gesehen der Sabbat (bedeutet eigentlich 'feiern') nicht für Christen gilt, aber als Prinzip ist er auch für Christen relevant, dass sie zusammen kommen, "Gottes Wort hören und sich damit beschäftigen, um dann auch Gott zu loben, zu singen und zu beten." Für die Christen sei dies der Sonntag.1

Die Trennung vom Alltag, das innere Zurücktreten von den Erfahrungen der letzten Woche, das Loslassen von Niederlagen und Enttäuschungen und das Feiern all des Guten - dazu dient der wöchentliche "Feiertag". Das gelingt dann, wenn auch ein innerer Abstand zu den Verpflichtungen des Alltag eingenommen wird.

Während sich jedoch die Bürotür schließen lässt, der sich über das Wochenende abmühende 3D-Drucker nicht die Anwesenheit des Mitarbeiters einfordert und der Edeka-Markt sonntags einfach frei macht, laufen Posts auf Instagram pausenlos weiter und die Push-Nachrichten bei TEAMS oder WhatsApp kennen offensichtlich nicht dieses dritte Gebot des Herrn. Wie lässt sich dieses Prinzip in einer digitalen Welt ohne Zeitzonen trotzdem leben?

Stell dir vor, eine Lehrkraft wird sich der Bedeutung von Ruhe und innerem Abstand zum Alltag bewusst. Sie beobachtet bei ihren Schülern, dass sie pausenlos diesem digitalen Trubel ausgesetzt sind. Und sie möchte nun die Bedeutung des Sabbats für das christliche Leben hervorheben. Was könnte sie tun?

Nun, sie könnte einen Plan von Andachten über den Sabbat erarbeiten, sie könnte bei den Schülern eine Medienkritik anstoßen, sie könnte Plakate über wichtige Bibelverse gestalten und im Klassenraum aufhängen lassen usw. Und die Schüler würden ihr zuhören, wenn sie dazu appelliert, mehr Achtsamkeit und Ruhe in den eigenen Alltag einzubauen.

Die Lehrkraft könnte aber auch einen anderen Zugang wählen.

Wie könnte das dritte Gebot für Schüler und ihr Lernen gestaltet werden?

Statt sich dem dritten Gebot auf der kognitiven und sprachlichen Ebene zu nähern, würde unsere Lehrkraft anders vorgehen: Sie würde ihren Kurs und die Aufgaben neu strukturieren, so dass die Schüler nicht am Wochenende zu arbeiten brauchen. Sie würde die Rückgabe der Aufgaben stets auf einen Freitag oder bei digitalen Aufträgen auf den Samstag Abend terminieren. Sie würde dafür sorgen, dass keine Aufgabe den Schülern vor Montag Morgen bekannt wird. Sie würde auf das Einhalten der Abgabetermine bis Samstag Abend rigoros achten. Im Verlauf des Kurses würden die Schüler feststellen, dass es in diesem Kurs keine Möglichkeit gibt, an einem Sonntag dafür zu arbeiten.

Statt den Schülern die Bedeutung des Sabbats durch Worte zu vermitteln, entwickelte die Lehrkraft eine pädagogische Praxis, die dem Prinzip des Gebots entspricht.2

Wie könnte das dritte Gebot für die Lehrkraft lebbar gemacht werden?

Die Lehrkraft hat schon längst bemerkt, dass ihr Beruf keine natürliche Trennung zwischen Arbeit und Leben mit sich bringt. Zudem erfährt sie immer wieder, dass eine digitale Erreichbarkeit und Kommunikation mit Schülern enorm wichtig ist. Und sie erlebt es, dass auch im Kollegium alle TEAMS nutzen und die Bits und Bytes nur so hin und her schwirren. Was könnte die Lehrkraft tun, um das dritte Gebot zu halten und trotzdem eine kommunikative Lehrkraft zu bleiben.

Die Lehrkraft könnte folgendes tun:

  • Sie könnte den Schülern - auch wegen der Transparenz - mitteilen, dass sie zu bestimmten Zeiten und am Sonntag nicht erreichbar ist.
  • Sie könnte für sich feste Arbeits- und Ruhezeiten definieren und penibel darauf achten, dass diese möglichst nicht durch Dritte torpediert werden.
  • Sie könnte in der TEAMS App (IOS) im Einstellungsbereich auf "Benachrichtigungen" gehen und "Ruhige Stunden" einrichten. Das hätte zur Folge, dass sie in dieser Zeit keine Benachrichtigungen durch die App erhält.
  • Und sie würde für sich über die Metapher einer Pilgerreise meditieren. Das Leben ist wie eine Pilgerreise. Das Reisen braucht Zeiten der Aktivität, aber auch Zeiten der Ruhe, der Regeneration und der Muße. Die Leben als Reise zu sehen, kann uns dazu führen, den Gott des Lebens zu feiern, der sie zu dieser Pilgerreise (auch in der digitalen Welt) berufen hat.3

 

1 Luther, Der große Katechismus, das 3. Gebot.

2 Smith, David I.; Felch, Susan M. (2016): Teaching and Christian imagination. Grand Rapids, Michigan: William B. Eerdmans Publishing Company. S. 84-85.

3 Smith & Felch 2016, S. 85-86.

Bildnachweis: Photo by Angelina Kichukova on Unsplash

 

 

Das Fenster zur Welt - neuer Online-Kurs von Christoph Lang

Christoph Lang, Referent der AHF-Akademie, hat den Online-Kurs Das Fenster zur Welt: Was meine Weltanschauung über meine Sicht der Dinge verrät veröffentlicht. Den Kurs kann man nach dem Ausfüllen des Formulars Online-Kurse erhalten.

Viele Menschen unterschätzen, welche weitreichende Wirkung ihre Weltanschauung auf ihr Leben hat. Gleichzeitig ist es ziemlich herausfordernd, sich seines eigenen Weltbildes bewusst zu werden. Denn:

„Weltanschauung zu verstehen gleicht dem Versuch, die Linse des eigenen Auges zu sehen. Normalerweise sehen wir unsere eigene Weltsicht nicht, stattdessen sehen wir alles andere durch diesen Filter. Einfach gesagt ist die Weltanschauung das Fenster, durch das wir die Welt – oft unbewusst – wahrnehmen und (dann) entscheiden, was real und wichtig oder nicht real und unwichtig ist.“ (Ph. E. Johnson)

Der Online-Kurs führt in das Konzept der Weltanschauung ein und entfaltet anschließend die Perspektive eines christlichen Weltbildes.

 

Das Recht auf Privatschule

 

Der Begriff 'Privatschule' hat im deutschsprachigen Kontext ein elitäres Image und meist einen negativen Touch. Erschwerend kommt hinzu, dass in der Öffentlichkeit und in manchen Medienberichten das Recht auf die Errichtung einer Privatschule in Frage gestellt bzw. eine sektiererische Komponente in den Diskurs eingebracht wird. Das ist nicht immer nur böser Wille, sondern immer wieder auch Unkenntnis dabei. Die folgenden Thesen wollen Klarheit schaffen und unsere Sprachfähigkeit fördern.1

  1. Das Recht, eine private Schule zu errichten, ist ein Grundrecht, das vom Art. 7 Abs. 4 des Grundgesetzes (GG) abgesichert wird. Ideelles Motiv dieses Grundrechts ist die freiheitliche Komponente der verfassungsmäßigen Ordnung.
  2. Dieses Grundrecht aus Art. 7 Abs. 4 (GG) wird auch durch andere Grundrechte gestützt (Art. 2 GG Entfaltung der Persönlichkeit; Art. 4 GG Religions- und Gewissensfreiheit; Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG Neutralität des Staates und das natürliche Elternrecht).
  3. Sofern eine Privatschule (Ersatzschule) in ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag nicht gleichwertig im Vergleich zu staatlichen Schulen agiert, hat sie ihre Existenzberechtigung verspielt. Dabei geht es um Gleichwertigkeit, nicht um Gleichartigkeit.
  4. Eine Privatschule, die ein weltanschauliches Bekenntnis für sich beansprucht, hat von Rechts wegen sicher zu stellen, dass "das Bekenntnis 'die Schule und den gesamten Unterricht prägt'".
  5. Eine Bekenntnisschule hat ein "Mindestmaß an Toleranz im Sinne von Duldsamkeit gegenüber abweichenden Überzeugungen anderer sowie die Achtung und Förderung der individuellen Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeit der Schüler" in ihrer Bildungsarbeit zu praktizieren. Diese Voraussetzung des Gesetzgebers - so werden sich (frei-)evangelische Christen denken - gehört sowieso zur DNA des evangelischen Bekenntnisses.
  6. Eine Bekenntnisschule hat aber nicht neutral bzw. offen - also ohne einer offenkundigen Positionierung zu bestimmten Glaubensinhalten bzw. Werten - zu sein. In einem solchen Rahmen ist auch das Werben für das eigene Bekenntnis zulässig.
  7. Die Verfassung für das Land NRW beschreibt in Art. 7 Abs. 1 das, was die AHF-Schulen und -Kitas in Lippe anstreben und woran sie sich messen lassen möchten: "Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln ist vornehmstes Ziel der Erziehung."​​​​​​​

 

1 Vgl. für das Folgende ROMATKA Rechtsanwälte 2020. In der Sache "Christlicher Schulverein ____ e. V. u.a. ./. Westdeutscher Rundfunk", München. Schreiben vom 04.12.2020.

Bildnachweis: (c) netivist.org

 

 

 

Dass eine christliche Schule erkannt werde

Entgegen der verbreiten Annahme, Jesus habe keine relevante Sozialethik gelehrt, will der mennonitische Theologe John H. Yoder durch ausgewählte biblische Texte diese Auffassung widerlegen. Er geht davon aus, dass Jesus wie auch Paulus eine Vorstellung vom Platz des Christen in der Welt hatten. Jesus ist nicht nur relevant, sondern sogar normativ für eine christliche Lebensweise als Zeugnis in der Welt. Christliche Bildungsreinrichtungen wie Kita und Schule werden an der Art und Weise, wie hier Menschen unterschiedlicher Herkünfte, Temperamente und Weltdeutungen zusammen leben, arbeiten und ihren Alltag ordnen, erkannt. Es geht nun darum, den Willen Gottes für den Menschen als soziales Wesen zu entdecken und zu leben, wozu letztlich auch alle Welt berufen ist: zur Verherrlichung Gottes. Dieses lässt sich beispielhaft an Praktiken in folgenden fünf Lebensfeldern durchbuchstabieren: Identität, Konfliktlösung, Ökonomie, Gleichberechtigung und Integration.

 

  1. Identität – von der Christusverwicklung und der neuen Menschheit

 „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ 2. Kor 5,17 EU; vgl. Gal 3,26ff., Eph 2,14ff

 

Für Paulus war es eine Sache des Prinzips, Juden und Heiden zu Gliedern derselben Gemeinschaft zu machen, die miteinander aßen und beteten. Die neue Gemeinschaft, die mit Christus verbunden ist, unterscheidet sich von der vormaligen darin, dass nun alle vorher gegebenen oder gewählten Zuordnungen verwandelt werden. Der Durchbruch der Trennmauer aufgrund des Todes Jesu (Gal 3,28) verwandelt die christliche Gemeinschaft in eine neue Menschheit: eine multiethnische Gruppe, in der zwei Völker, zwei Kulturen, zwei Geschichtsüberlieferungen in eine neue Schöpfung einfließen. Damit löst sich die Unterscheidung „nach dem Fleisch“ auf, damit „in Christus“ der neue Status in den sozialen Beziehungen zu einer Einheit führen kann. Der Status der Abstammung von Abraham wird hierbei für alle geöffnet – nicht aufgrund von Geburt, sondern des Glaubens. Die Begründung dafür sieht Paulus allerdings nicht in der Schöpfung, sondern in der Erlösung. Die gleiche Würde in der neuen Identität und Zugehörigkeit, die Statusunterschiede, Geschlecht, Ritus, Volkszugehörigkeit oder Ökonomie überwölbt, ist ein Geschenk der Gnade, das für Paulus einfach eine Tatsache des bereits begonnenen Reiches Gottes ist. So schlägt Christus eine neue Seite der Weltgeschichte auf. Die christliche Geschichte musste erst durch schwierige Zeiten hindurch, um die kulturelle Durchlässigkeit und Inklusivität zu lernen. Die Entwicklung des ersten Jahrhunderts zeigt, dass es zum Evangelium gehörte, ethnische und kulturelle Überlegungen anzustellen, um die Versöhnung zwischen den Völkern und Kulturen zu ermöglichen. Damit lehnt das Evangelium auf Ethnie, Geschlecht und Klasse beruhende Diskriminierungen ab und erteilt Trennungen aufgrund von Schöpfung oder Vorsehung eine Absage. Nachfolger Jesu setzen sich somit auch für die Würde des Gegners ein. Der Ruf zur Umkehr und Buße ist nämlich die Analogie zum gewaltfreien Konfliktverhalten, da eine Veränderung von Identität, Grundeinstellung und Verhalten jedem Menschen offen stehen und Versöhnung allen möglich ist.

 

  1. Konfliktlösung – vom Binden und Lösen

„Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und stell ihn unter vier Augen zur Rede. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. [...] Alles, was ihr auf der Erde lösen werdet, wird im Himmel gelöst sein.“ Mt 18,15-18 NGÜ

 

Menschsein in Schule und Kita heißt, mit Konflikten zu leben; Menschsein im Licht des Evangeliums heißt, Konflikte in einem (er)lösenden Gespräch anzugehen, um daraufhin unser Beziehungsgeflecht zu stärken. Wir sind angehalten, dabei drei Versuche zu unternehmen. Den ersten Versuch – ergebnisoffen aber nicht absichtslos – unternehmen wir beide von Angesicht zu Angesicht, um Schande und Klatsch zu vermeiden. Wenn das nicht funktioniert, ziehen wir eine dritte Person als Vermittler und Zeuge hinzu, um eine Außenperspektive zu bekommen. Wenn dies immer noch nicht die erhoffte Lösung erreicht, bringen wir die Angelegenheit vor die gesamte Gemeinschaft. Wenn die Verhandlungen scheitern, kann die Ungerechtigkeit stehen gelassen werden oder den Behörden übergeben werden. Dieses apostolisch bezeugte Vorgehen kann unsere Denkweise über Seelsorge und Entscheidungsfindung verändern. Es verleiht der Gemeinschaft große Autorität – im Namen Gottes Entscheidungen zu treffen –, setzt hohes Vertrauen in das Wirken des Heiligen Geistes, bringt dem Individuum großen Respekt entgegen, setzt ethische Maßstäbe verbindlich durch und bleibt gleichzeitig neuen Situationen gegenüber offen. Ein versöhnendes Gespräch beinhaltet nämlich die Wiederherstellung eines Gegenübers (nicht Strafe oder Abwendung eines Imageproblems), der ein konkretes und echtes Problem verursacht hat. Konfliktbearbeitung ist nicht nur Psychohygiene, sondern ein Weg der Wahrheitsfindung und des Wohlergehens der Gemeinschaft. Konfliktbearbeitung wird nicht Leitern und Seelsorgern zugeschrieben, sondern einem jeden Mitglied der Gemeinschaft. Statt über- und voneinander zu sprechen, führt der Weg des Evangeliums zuallererst direkt und mit Ausschluss der Öffentlichkeit in den Dialog mit der betreffenden Person. Die Reformatoren wie auch die Wiedertäufer bezeichneten dieses Verfahren als „Regel Christi“ und trauten ihm zu, die Reformation aus den Hörsälen in das Leben der Gemeinden und Familien hineinzutragen. Nach diesem Muster verlaufen mancherorts erfolgreiche „Täter-Opfer-Ausgleichs-Programme“, an denen kirchliche Mitarbeiter beteiligt sind.

 

  1. Ökonomie – vom gemeinsamen Brotbrechen

„Gemeinsam beteten sie täglich im Tempel zu Gott, trafen sich zur Mahlfeier in den Häusern und nahmen gemeinsam die Mahlzeiten ein, bei denen es fröhlich zuging und großzügig geteilt wurde.“ Apg 2,46 NLB

 

Wenn wir uns auf den Weg in das erste Jahrhundert begeben, entdecken wir die anthropologische Bedeutung gemeinsamen Essens. Das gemeinsame Leben der Jünger Jesu wird uns in der Apostelgeschichte anhand von vier Punkten beschrieben: sie blieben in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet (2,42). Da sich das Mahl im Zentrum ihres Lebens befand, konnte sich die geistliche zur wirtschaftlichen Gemeinschaft ausweiten, so dass „niemand irgendetwas beanspruchte, was er hatte, nur für den eigenen Gebrauch“ (4,32) und „niemand Not litt“ (4,34) – als Echo und Erfüllung von 5.Mose 15,4 „Es wird niemand in Not unter euch geben“. Die „gemeinsame Kasse“ der Jerusalemer Gemeinde war also eine Tischgemeinschaft, woraus sich als normale, organische Ausweitung das Teilen der Güter ergab – so wie die Jünger es bereits am Lebensstil von Jesus kennengelernt hatten (vgl. Luk 8) und Jesus das Reich Gottes ihnen vorgestellt hatte (vgl. Luk 3,10ff.). Damit ist also eine Gemeinschaft gemeint, die den normalen, täglichen, materiellen Lebensunterhalt miteinander teilte und dabei den Kreis wirtschaftlicher Solidarität über die eigene Familie nicht nur symbolisch, sondern tatsächlich ausweitete. Brot miteinander zu essen ist ökonomisches Teilen und somit Aspekt der wirtschaftlichen Ethik. Im Licht des Evangeliums werden Projekte, Aktivitäten und Strukturen entwickelt, die sich der ökonomischen Ungleichheit entgegenstellen. Teilen wir doch nicht nur gemeinsame Zeiten in Kita und Schule, sondern auch unser Taschengeld oder die Sportschuhe – innerhalb der Klassengemeinschaft und weit darüber hinaus.

 

  1. Gleichberechtigung – von der Fülle Christi

„Er ist es nun auch, der der Gemeinde Gaben geschenkt hat: Er hat ihr die Apostel gegeben, die Propheten, die Evangelisten, die Hirten und Lehrer, [...] damit die Gemeinde, der Leib von Christus, aufgebaut wird [...] und dass wir eine Reife erreichen, deren Maßstab Christus selbst ist in seiner ganzen Fülle.“ Eph 4,11-13 NGÜ

 

Paulus verwendet den Begriff „Fülle Christi“ zur Beschreibung einer neuen Art von Beziehungen in einer Gruppe. Im Korintherbrief erklärt Paulus, dass jedes Glied Träger der Wirkung des Geistes zum allgemeinen Nutzen ist (1. Kor 12,7). Die Verschiedenartigkeit der Begabungen sieht Paulus als besonderes Wirken des Geistes Gottes, die dem Sieg Christi zu verdanken ist (vgl. Ps 68). Die apostolische Lehre über die Vielfalt der Gaben ist vom westlichen Individualismus zu unterscheiden. Zwar sind die einzelnen Glieder einzigartig und unersetzlich, doch ihre eigene Würde können sie nur in der Bindung an die anderen Glieder besitzen – leidet ein Teil des Körpers, werden sie alle, ohne eigenes hinzutun, in Mitleidenschaft gezogen. Jeder Mensch, ob Christ oder nicht, ist weniger, als er sein könnte oder sollte, solange er nicht integraler Teil eines Leibes ist, dessen Glieder in organischer, wechselseitiger Abhängigkeit stehen. Die von Paulus beschriebenen Gaben sind Funktionen innerhalb der christlichen Gemeinschaft, welche ohne Verdienst ein Potential enthalten und in wechselseitiger Verantwortung und Abhängigkeit verwirklicht werden. Gott wirkt das nicht, indem er alle gleich macht, sondern indem er jedes Glied unterschiedlich und doch gleichermaßen begabt und bevollmächtigt. Verstehen wir doch die unterrichtlichen Phasen der Gruppen- und Teamarbeit als eine Anwendung dieser paulinischen Botschaft, denn sie ermöglicht die detaillierte Analyse der verschiedenen funktionalen Komponenten jeder Aufgabe, so dass sie angemessen ausgeführt werden kann. Teamarbeit beteiligt alle Teilnehmer an Grundentscheidungen und Qualitätskontrolle. Sehen wir es doch so, dass niemand mehr als unbegabt, unberufen oder nicht bevollmächtigt gilt und von anderen beherrscht oder bevormundet wird – so leben wir ein „Leben, das unserer Berufung wert ist“ (Eph 4,1).

 

  1. Integration – von der Regel des Paulus

„Wenn ihr zusammenkommt, trägt jeder etwas bei: einer einen Psalm, ein anderer eine Lehre, der dritte eine Offenbarung; einer redet in Zungen und ein anderer übersetzt es. Alles geschehe so, dass es aufbaut.“ 1. Kor 14,26 EU

 

Im vierzehnten Kapitel seines Briefes an die Gemeinde in Korinth instruiert der Apostel Paulus seine Leser, wie sie eine Versammlung in der Kraft des Geistes leiten können: jeder, der etwas zu sagen hat, das der Heilige Geist ihm zu sagen eingegeben hat, soll das Wort erhalten. Dabei gilt: das Treffen soll geordnet ablaufen, in fremden Sprachen soll nur gesprochen werden, wenn eine Übersetzung zur Verfügung steht. Dieselben Versammlungsregeln werden beim Apostelkonzil in Apg 15 angewandt, als die Gemeindeleitung in Jerusalem mit dem Grundproblem missionarischer Strategie konfrontiert wurde. Das Prozedere war hierbei ganz einfach: Missionare trugen ihren Feldbericht vor, einige aus der Gemeinde warfen ein, dass gewisse Regeln von Heiden nicht befolgt worden sind, woraufhin Petrus die Gemeinde an seine Erfahrungen mit Kornelius erinnerte (vgl. Apg 10). Zum Ende der Versammlung wurde ein vermittelnder Vorschlag eingebracht, der „dem Heiligen Geist und uns gefallen hat“ (Apg 15,28). Auch die Gemeinden des ersten Jahrhunderts fanden es angemessen, die Form der Entscheidungsfindung durch offenes Gespräch, auch über die Lokalgemeinde hinaus, in Synoden und Konzilien anzuwenden. In diesem Rahmen konnten dogmatische Uneinigkeiten, aber auch organisatorische Fragen entschieden werden. An diese frühe Tradition knüpfte die Reformation an. Im November 1522 wurde Huldrych Zwingli zu einer „Disputation“ vor die Stadtväter in Zürich geladen, da Kritiker in ihm einen Ketzer ausmachten. Die offene Debatte akademischen Formats, in der Thesen vorgebracht und verteidigt wurden, von einem Moderator geleitet und einem Sekretär protokolliert, verband sich mit dem idealistischen Rückgriff auf Apg 15 und den Anweisungen aus 1. Kor 14. Dieses Vorgehen bezeichnete er als „Regel des Paulus“, d.h. Konsens entsteht ohne Ausübung von Zwang aus dem offenen Gespräch heraus und ist erreicht, wenn jeder, der etwas zu sagen hat, das Wort ergreifen konnte und wenn jeder, der in der Sache engagiert ist, sich äußern konnte – erst jetzt war der Wille des Geistes erkannt. Es gibt keine Abstimmung, in der eine Mehrheit eine Minderheit überstimmt, ebenso wenig gibt es die Entscheidung eines amtlich autorisierten Leiters. Als Struktur benötigt dieser Prozess nur eine Moderation, die eine gewissen Ordnung bewahrt und die Dokumentation seiner Ergebnisse. Die Ausweitung dieser Forderungen durch die Puritaner – Predigt vor frei versammelten Zuhörern, die dem Redner antworten konnten, da er nicht die Stimme des Königs, des Bischofs oder der Universität darstellte, sondern als ihr Diener zu ihnen sprach – führte zur angelsächsischen Demokratie. Daraus entwickelten Quäker besondere Methoden, Vertreter von Kriegsparteien an einen Tisch zu bringen. Sie förderten die Dialogfähigkeit einzelner Menschen, auch wenn deren Loyalität Institutionen galt, die im Konflikt miteinander standen. In gesellschaftlichen Konflikten auf Gewalt zu verzichten, setzt die Annahme voraus, dass der Gegner Teil meines Wahrheitsfindungsprozesses ist. Ich bin angehalten, gewaltfrei zu handeln, um den Gegner dazu zu bringen, mich anzuhören, doch ich selbst muss auch auf ihn hören. Außerdem gibt keine direktere Methode, Anliegen von weniger Privilegierten Gehör zu verschaffen, als sich an die Regel des Paulus zu erinnern, dass jeder seine Stimme erheben darf. Die Sorge hierbei ist, ob dieses Verfahren nicht unmittelbar zu chaotischer Vielfalt zu führen vermag. Dieses dezentralisierende Vorgehen ist im Glauben gegründet, dass der Geist Gottes im Glauben zu allen und durch alle spricht und ermöglicht so eine gesunde und realistische Flexibilität und Anpassung an eigene und besondere Gegebenheiten und Bedürfnisse. Außerdem ist Jesus Christus derselbe und wird durch die Leitung seines Geistes zur Einheit führen. Ein amtlicher Erlass braucht weniger Zeit als sorgfältiges Zuhören, läuft jedoch Gefahr, dem Problem nicht gerecht zu werden. Eine schnelle Mehrheitsabstimmung mag schneller zu einer Entscheidung führen, aber meist löst sie weder das Problem noch überzeugt sie die überstimmte Minderheit, so dass der Konflikt nicht gelöst ist. Weil der Geist Gottes in der Versammlung spricht, ist das Gespräch der Kontext, um die Wahrheit zu finden.

 

Fazit

 

Alle fünf Handlungsweisen haben gesellschaftliche, praktische und öffentliche Bedeutung, da sie auch über die geistliche Gemeinde hinausweisen und verfahrenstechnische Richtlinien für die Gesamtgesellschaft – und somit auch für unseren Alltag in Schule und Kita – aufweisen. Die Vielfalt der Gaben ist ein Modell zur Ermächtigung aller Beteiligten, geistgeleiteter Dialog ist das Fundament der demokratischen Idee. Die Empfehlung zum Binden und Lösen ist die Grundlage von Konfliktlösung und Bewusstseinsbildung. Die Verwicklung mit Christus bringt interethnische Akzeptanz und das Brotbrechen feiert wirtschaftliche Solidarität. Mit diesem Vorgehen kann christliche Schule und Kita als solche erkannt werden, da die Trennung von Christus und Kultur oder Christus und Lebenswirklichkeit zurückgewiesen wird. Der Leitgedanke für die Präsenz einer christlichen Schule und Kita in der Welt ist nicht die Vorbereitung der Kinder und Jugendlichen als Gläubige die Welt zu regieren oder Geschichte zu verändern, sondern im Licht des Evangeliums vorherrschende Denkstrukturen zu überwinden und uns eine vom Glauben gefüllte Sicht der Welt zu eigen zu machen. Das Zeugnis des Evangeliums ist die Liebe zur Welt und die Weigerung, sich ihr anzupassen – die Gegenwart in ihrer Mitte und Fremdkörpersein in ihr zugleich. Dabei helfe uns Gott.

 

Heinrich Wiens

 

Der Text ist angelehnt an: John H. Yoder, Die Poilitik des Leibes Christi – Als Gemeinde zeichenhaft leben, Neufeld 2001. Yoder (1927-1997) ist bis heute der bekannteste mennonitische Theologe und zählt zu den einflussreichsten amerikanischen Theologen und Ethikern der letzten 50 Jahre.

 

Die Erstklässler sind da

Auch in diesem Jahr war die Einschulung für alle Beteiligten ein besonderes Erlebnis. Der Einschulungsgottesdienst fand in der Aula statt. Eckhard Fett begeisterte die Eltern und Kinder mit einem vorgetragenen Handpuppenspiel. Er vermittelte den Kindern dabei auch eine Botschaft. Er machte deutlich, dass die Puppe nichts aus sich heraus tun kann. Erst wenn die Hand des Menschen in sie hineinschlüpft, ist sie fähig, Dinge zu vollbringen. So verhält es sich auch mit uns Menschen.

In der Bibel lesen wir in Johannes 15,5 folgende Worte von Jesus Christus: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun."

Erst wenn wir in Jesus bleiben, werden wir Frucht bringen, die Gott von uns erwartet. Aus uns heraus können wir nicht den Willen Gottes tun, so wie er es für unser Leben vorgesehen hat.

Anschließend wurde der Mottovers aus Johannes 15,5 in Gebärdensprache gemeinsam mit den Kindern vorgetragen. Abgerundet wurde die Feier durch gemeinsame Fotos auf dem Schulhof.