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Charakterbildung: Wie lässt sich Charakter messen? (Teil III)

Wenn nun charakterliche Reife so gefragt ist, wie lässt sich diese Reife eigentlich feststellen? Lässt sich der Charakter eines Menschen etwa messen? Oder könnte man die charakterliche Reife bewerten? Und wie stellen Bildungseinrichtungen für sich fest, ob sie bei der Charakterbildung junger Menschen Erfolg haben?

Zugegeben, manchen bereiten solche Fragen großes Unbehagen. Sie vermuten hier das üble Werk der Unternehmensberater McKinsey oder den Evaluationshype irgendeines Instituts. Doch die Sorge ist unberechtigt. Und eigentlich gebietet es doch der gesunde Menschenverstand, solche oder ähnliche Fragen zu stellen. Wenn eine Bildungseinrichtung die Charakterbildung auf ihre Fahnen schreibt, ist selbstverständlich danach zu fragen, ob und wie denn eine solche Bildung erreicht wird. Wer für sich kocht, möchte im Allgemeinen davon essen. Und wer Zeit, Mühe und Geld für einen Führerschein investiert, möchte im Allgemeinen danach auch Auto fahren. Deshalb ist die Fragestellung "Wie lässt sich Charakter messen?" einer gesunden Neugier geleitet.

Steven L. Porter (Biola University), Steven J. Sandage (Bosten University), David C. Wang und Peter C. Hill (Biola University) ließen sich auch von ihrer Neugier inspirieren und haben einen interessanten Artikel veröffentlicht, dessen Thesen ich im Folgenden wiedergeben möchte: 

Measuring the Spiritual, Character, and Moral Formation of Seminarians: In Search of a Meta-Theory of Spiritual Change (Die Messung der geistlichen, charakterlichen und moralischen Entwicklung von Hochschulabsolventen: Auf der Suche nach einer Meta-Theorie der spirituellen Veränderung).1

Einleitung

Steven L. Porter u. a. haben vor allem Absolventen von theologischen Fach- und Hochschulen im Blick, wenn sie die Frage nach der spirituellen und charakterlichen Eignung stellen. Gleichwohl kann eine mögliche Meta-Theory auch für andere Bildungseinrichtungen relevant werden. Das ist auch deshalb der Fall, weil der Untersuchungsgegenstand von vornherein einen interdisziplinären Zugang voraussetzt.

Zur Terminologie und einigen Vorbemerkungen

(1) Die 'Meta-Theorie der spirituellen Veränderung' ist der Versuch, eine abstrakte und anspruchsvolle Konzeption der spirituellen, charakterlichen und moralischen Transformation darzustellen, die in spezifischen Kontexten und verschiedenen christlichen Traditionen konkretisiert werden kann. Es ist also nicht so sehr eine Theologie der positiven Veränderung, die sich auf eine bestimmte Tradition oder einen bestimmten Zugang des Christseins bezieht. Es geht um eine Meta-Theorie, die unabhängig einer bestimmten Konfession konzipiert wird.

(2) Es ist zwischen dem spirituellen, charakterlichen und moralischen Aspekt zu unterscheiden.

Die spirituelle Entwicklung ('"spiritual" formation') bezieht sich auf die Beziehung eines Individuums oder einer Gruppe zu Gott. Es ist das, was im Allgemeinen als heilig bzw. fromm verstanden wird (z. B. die Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott, die Gegenwart Gottes, Erfüllt sein mit dem Heiligen Geist usw.).

Die charakterliche Entwicklung ('"Characterological" formation') bezieht sich auf eingeübte Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften (z. B. Freundlichkeit, Großzügigkeit, Empathie usw.).

Die moralische Entwicklung ('"moral" formation') meint die wahrnehmbaren Verhaltensweisen und Tugenden eines Individuums oder einer Gruppe (z. B. Vergebungsbereitschaft, Dienen, Feindesliebe, usw.).

Vorbemerkungen: (a) Die Theorie ist ökumenisch, d.h. sie wird nicht für eine spezielle Konfession entwickelt. (b) Bei der Untersuchung werden sowohl die tatsächliche Veränderung ("realized change") sowie die Veränderung, die noch in der Entwicklung ist ("processes of change") berücksichtigt. (c) Die Theorie ist epistemologisch offen für Erkenntnisse aus der Theologie sowie der Psychologie.

Sechs theologische Grundannahmen der christlichen Veränderungspraxis

Nach Ansicht von S. L. Porter u. a. müssen folgende sechs Grundannahmen vorliegen, damit Transformationsprozesse überhaupt geschehen können. Diese Annahmen spiegeln die Haltung der Individuen bzw. der zu untersuchten Gruppe wider.

1. Die positive geistliche, charakterliche und moralische Veränderung wird hoch geschätzt und wird erwartet.

Auch wenn die einzelnen christlichen Konfessionen der Veränderung unterschiedlich priorisieren und füllen, sind sich doch alle Traditionen darin einig: Es gehört wesentlich zum christlichen Glauben, in seiner Beziehung zu Gott, in seinem Charakter und der moralischen Lebensführung zu wachsen. In den Paulusbriefen findet sich sogar das Konzept der Umgestaltung in das Ebenbild Christi (vgl. Römer 8,29). Und in Galater 4,19 wünscht es Paulus, dass "Christus in euch Gestalt gewinne". Auch wenn eine eschatologische Dimension hier mitzudenken ist, kann man festhalten: Paulus rechnet mit einer Transformation im Hier und Jetzt.

Dabei ist wichtig anzumerken: Alles Wachstum wird von Gott her gedacht. Und es bezieht sich auf die Beziehung zu Gott, auf den Charakter und die moralische Lebensführung. Zudem impliziert die Veränderung stets etwas Positives, was als Prozess der christlichen Lebensführung angesehen wurde. Das bedeutet aber nicht, dass die Veränderung nicht gerade durch Situationen des Schmerzes und des Leids hervorgerufen wird.

2. Die positive geistliche Veränderung ist verbunden mit einer positiven charakterlichen und moralischen Entwicklung.

Der Zusammenhang zwischen der Spiritualität und dem Charakter ist sowohl bei Jesus (Johannes 15) als auch bei Paulus (Galater 4,65) offenkundig. Dieses Prinzip bewahrt davor, Veränderung als eine einzige mechanische Methode zu sehen. Alle Dimensionen der Veränderung (spirituelle, charakterliche und moralische) sind miteinander verwoben.

William Alston hat die Wirksamkeit Gottes im Veränderungsprozess folgendermaßen beschrieben: a) Gott ordnet auf übernatürliche Weise eine Entwicklung in uns an (Veränderung von oben / fiat modell; vgl. Philipper 1,6). b) Gottes Gegenwart bewirkt eine Entwicklung in uns (beziehungsorientierte Veränderung / interpersonal model; Johannes 15,1-8). c) Die Teilhabe an der göttlichen Natur bewirkt in uns eine Entwicklung (das Leben-Teilen-Modell / life-sharing model).

3. Die positive geistliche, charakterliche und moralische Veränderung geschieht (stets) in Gemeinschaft mit anderen.

Die Bedeutung der Gemeinschaft für eine Transformation haben Aelred von Rievaulx (Geistliche Freundschaft) und Dietrich Bonhoeffer (Gemeinsames Leben) beschrieben (vgl. auch Hebräer 10,24-25). Der Aspekt der Gemeinschaft kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

4. Es existieren verschiedene Hindernisse zu einer positiven geistlichen, charakterlichen sowie moralischen Veränderung.

Er herrscht in der christlichen Tradition Einigkeit darüber, dass positives und geistliches Wachstum nicht von alleine oder einfach geschieht. Wegen der Sündhaftigkeit und Gebrochenheit des Menschen und der seufzenden Schöpfung (Römer 8) bleiben auch nach einer 'Geburt von oben' (vgl. Johannes 3) Hindernisse beim Veränderungsprozess bestehen. Die Bibel und die christliche Tradition haben die Gründe dafür in der 'Welt', beim 'Fürsten dieser Welt' und in der sündigen Natur des Menschen (seinem 'Fleisch') gesehen.

Es ist auch wichtig anzumerken, dass Hindernisse auf systemischer Ebene liegen können. Hier wirken auf struktureller Ebene destruktive Kräfte, die eine Veränderung zum Positiven behindern (z. B. Ausgrenzung, Rassismus, soziale Benachteiligung, Armut, Korruption usw.).

5. Nur ein Bündel aus unterschiedlichen Praktiken und Ritualen bewirkt eine positive Veränderung.

Die christliche Tradition hat von Anfang an die Hinwendung zu Gott nicht allein als ein Glaubenssystem, sondern als einen Ruf zu einer veränderten Lebensweise interpretiert. Schon die Bergpredigt Jesu betont die Praxis des Glaubens. Viele der frühesten Schriften befassen sich mit Instruktionen eines christlichen Lebens (vgl. Die Didache, Paedagogus von Clemens von Alexandria usw.). Der christliche Glaube ist eine lebende Tradition ethischer Veränderung.

Wichtig ist auch zu erkennen, dass bestimmte christliche Praktiken direkt mit der spirituellen Dimension des Glaubens in Verbindung stehen (z. B. das Gebet). Zugleich gibt es Praktiken, die auch ohne Bezug auf den christlichen Glauben praktiziert werden können und auch eine positive Wirkung auf den Veränderungsprozess entfalten (z. B. das Fasten).

6. Erworbene Tugenden sind in einer positiven Veränderung mit enthalten.

Es hilft hier, an die Unterscheidung der Tugenden nach Thomas von Aquin zu denken: Er schrieb von "infizierten" und "erworbenen" Tugenden. Infizierte Tugenden sind übernatürliche Wirkungen Gottes auf das Individuum. Erworbene Tugenden werden durch eine eingeübte Praxis und Verhalten - ohne einer direkten Wirkung Gottes und auf dem Hintergrund der 'natürlichen Gnade' - erworben. Daher ist bei der geistlichen, charakterlichen und moralischen Entwicklung stets auch an diese Dimension zu denken, die von Menschen im Allgemeinen erworben werden können.

Das Integrieren des Relational Spirituality (RS) model in die Meta-Theorie

Das vom Bethel Seminar entwickelte RS-Modell eignet sich gut für die Darstellung einer Meta-Theorie. Das RS-Modell versteht unter Spiritualität "ways of relating with the sacred" (19) und geht davon aus, dass für eine geistliche Entwicklung ein ausgewogener Prozess zwischen spiritual dwelling (d.h. stabilisierende Faktoren des religiösen Lebens) und spiritual seeking (d.h. neue und komplexe Zugänge des religiösen Lebens) geschehen muss. Es ist also ein Wechselspiel aus spiritueller Bestätigung (z. B. beim Bibellesen, im Hauskreis, im Schulgottesdienst usw.) und spiritueller Suche (z. B. Veränderung des Gottesbildes, kritische Reflektion eigener religiösen Tradition usw.) im Sinn. Beide Aspekte bedingen sich.

Das RS-Modell beschreibt einen dreifachen Weg der Reinigung (purification), Erleuchtung (illumination) und der Einheit (union), den Individuen zu bestreiten haben, um im Zyklus der spirituellen Bestätigung und Suche Fortschritte zu erleben. Im Prozess der Reinigung werden bisherige Einsichten über sich selbst, über Gott, die Kirche, spirituelle Rituale hinterfragt (purification). Dies kann im Einzelfall auch Ängste und Spannungen auslösen. Viele Theologiestudenten berichten z. B. über innere Zweifel und Kämpfe, das neue Einsichten und Fragen ihre bisherige auf den Prüfstand stellen. Auf diesem Weg braucht es tragfähiger und einleuchtender Einsichten (illumination) und das Einbinden der neuen Wahrheiten in das bisherige Denkgefüge (union). "In all, this model assumes that spiritual maturity involves an integration of spiritual dwelling and seeking over time" (21). Insgesamt kann man nach diesem Modell davon ausgehen, dass Phasen des spirituellen Wohlergehens mit Phasen des spirituellen Spannung abwechseln, wenn nachhaltige Transformationsprozesse geschehen sollen. Dabei können Individuen auch Phasen der Veränderung abbrechen und zum unreifen Verhalten zurückkehren. "Furthermore, the model highlights the intensification that often occurs in formation in which one’s previous mode of spirituality breaks down and requires a renewed process of spiritual seeking" (23).

Empfehlungen zur Messung der spirituellen Reife bei Absolventen theologischer Fakultäten

Ausgehend von den sechs Grundannahmen und der empirischen Forschung rund um das RS-Modell lassen sich folgende Empfehlungen für die Entwicklung eines 'Messinstruments spiritueller, charakterlicher und moralischer Reife' formulieren:

(1) Für das Messen des Entwicklungsprozesses ist nach stabilisierenden Gotteserfahrungen, einer niedrigen religiösen Engstirnigkeit, nach einer differenzierten Selbsteinschätzung, nach vorhandenen und etablierten sicheren Beziehungen, nach dem authentischen Engagement bei spirituellen Ritualen, nach Tugenden, interkultureller Kompetenz, spirituellen Kämpfen, nach einer authentischen Auseinandersetzung mit spirituellen Praktiken zu fragen.

(2) Da die geistliche Reife mit verschiedenen Hindernissen verbunden ist, einschließlich der Selbsttäuschung und zunehmender Selbsterkenntnis, und da der Prozess der spirituellen Suche Ängste hervorrufen kann, sollten Befragungen sensibel für die Vorstellung sein, dass eine Zunahme der spirituellen Reife oft mit einer Zunahme der spirituellen Desorientierung einhergeht. Und weil Reife oft Zeiten der spirituellen Suche benötigt, die für sich Stress und Ängste hervorrufen kann, könnten Befragungen auch eine Abnahme des positiven Wohlergehens zeigen. Dieser Zusammenhang braucht daher nicht zu überraschen.

(3) Es ist denkbar, dass die charakterliche und moralische Reife auch unabhängig einer Beziehung zu Gott im engeren Sinne geschehen kann. Das wird vor allem in den Kontexten zu beobachten sein, in denen eine naturalistische Tugendentwicklung sowieso kulturell verortet ist (vgl. z. B. einige asiatische Kulturen mit ihrer Betonung für Fleiß und Hingabe). Daher ist charakterliche und moralische Reife nicht automatisch verbunden mit einer spirituellen bzw. geistlichen Reife.

(4) Um dem letzten Aspekt (bzw. Problem) zu begegnen, könnte man nach einzigartigen christlichen Tugenden fragen, um den genuin christlichen Heiligungsprozess empirisch abzusichern. So könnte man nach Freude und Frieden inmitten von Leiderfahrungen oder nach praktizierter Feindesliebe fragen. 

Mein Fazit

Was lässt sich nun für das Messen der Charakterbildung im Allgemeinen und konkret für die AHF-Schulen sagen? Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus dem Artikel von S. L. Porter u. a. ziehen? In Thesen sollen die wesentlichen Erkenntnisse dargestellt werden.

A. Das Messen der spirituellen, charakterlichen und moralischen Reife setzt naturgemäß ein gewisses Reflektionsniveau und Lebensalter voraus. Befragungen machen also erst bei Teenagern aufwärts Sinn.

B. Bei den charakterlichen und moralischen Aspekte gibt es große Überschneidungen. Befragungen können also nur zwischen spirituellen und charakterlichen (inkl. moralische) Dimensionen differenzieren.

C. Befragungen müssten stets systemisch entwickelt werden, d.h. sie berücksichtigen die gemeinschaftsbezogenen und milieuspezifischen Aspekte sowie die unterschiedlichen Dimensionen der Reife sowie die verschiedenen Rituale und Praktiken.

D. Befragungen werden sich auf bestimmte praktischen Situationen der Befragten und ihrer Lebenswelt beziehen.

E. Weil Transformationsprozesse stets von Phasen der Entspannung und Anspannung begleitet werden, ist es wünschenswert, wenn die Schülerinnen und Schüler ca. alle zwei Jahre befragt werden. 

 

Porter, Steven L.; Sandage, Steven J.; Wang, David C.; Hill, Peter C. (2019): Measuring the Spiritual, Character, and Moral Formation of Seminarians. In Search of a Meta-Theory of Spiritual Change. In: Journal of Spiritual Formation and Soul Care 12 (1), S. 5–24.

Bildnachweis: https://golive-solingen.de/die-axt-schaerfen-zeit-fuer-charakterbildung/

 

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Dr. Alexander Drews
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