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Charakterbildung: Worauf es ankommt? (Teil I)

Am Wochenende des Labor Day im Jahr 1900 suchten viele Einwohner von Galveston Island in Texas beim Waten durch das frische Wasser des Golfs von Mexiko Abkühlung von dem ungewöhnlich warmen Septemberwetter. Niemand vermutete, dass beinahe die Hälfte der 37.000 Einwohner bald sterben oder auf einen Schlag obdachlos werden würde, getroffen vom schrecklichsten Hurrikan der Geschichte. An jenem verhängnisvollen Samstagabend steuerte ein Hurrikan mit Windgeschwindigkeiten von über 200 km/h und Böen von bis zu 320 km/h direkt auf Galveston zu. In der Sprache des heutigen Wetterdienstes war das ein „Hurrikan der Kategorie 4".
Die offizielle Wettervorhersage in den Nachrichten von Galveston hatte angekündigt: „Samstag Regen mit starkem nördlichem Wind; Sonntag Regen, danach Aufklaren." Doch dann brach der Sturm los. Nachmittags um 13.00 Uhr war aus dem Regen ein Sturm geworden, bis 17.00 Uhr erreichte der Wind Hurrikan-Geschwindigkeiten und um 20.30 Uhr stand der Wasserspiegel sechs Meter über Normal. Innerhalb dieser kurzen Zeit waren die meisten Häuser auf der Insel überflutet oder weggeweht worden.
Einige Tage zuvor hatten Berichte von einem weit entfernten Wetterdienst von Galveston erreicht, aber keine große Unruhe ausgelöst. „Die gewöhnlichen Zeichen, die das Nahen von Hurrikans ankündigen, waren in diesem Fall nicht vorhanden", schrieb Isaac M. Cline, Galvestons altgedienter Direktor des Wetterdienstes. Isaac selbst lebte drei Blocks vom Strand entfernt, aber bezeichnenderweise sah er keine Notwendigkeit, seine schwangere Frau (die ertrank), seinen Bruder oder die Kinder beider Familien zu evakuieren.
Warum? Isaac M. Cline selbst hatte vorhergesagt, dass kein Hurrikan der Stadt ernsthaften Schaden zufügen könne. „Ein absurder Irrglaube", so hatte er die Angst bezeichnet, dass ein Hurrikan eine ernste Gefahr für die aufblühende Stadt Galveston darstellen könnte.
Aufgrund von Gutachten hatte Galveston den Vorschlag, einen Seedeich zu errichten, als unnötige, verschwenderische Ausgabe abgelehnt. Als Folge davon vertrauten die Menschen in dieser schönen Stadt immer mehr darauf, dass sie jedem Sturm standhalten würden. Sie erwarteten keine Böen von 320 km/h, die wie ein dreißig Tonnen schweres Gewicht gegen die Häuserwände schlagen und sie zerfetzen würden, als wären die Balken nur Streichhölzer. Sie erwarteten niemals fünfzehn Meter breite und drei Meter hohe Wellen mit einem Gewicht von 36 Tonnen. Das waren Wellen mit einer unermesslichen Zerstörungskraft. Mit einer Geschwindigkeit von knapp 50 km/h entwickelten sie eine Stoßkraft von fast 21.000 Tonnen. Es ertranken so viele Menschen, dass noch monatelang Leichen an den Strand gespült wurden. Isaac M. Cline aber hatte einen so starken Sturm nicht erwartet.1

Diese tragische Geschichte steht symbolhaft dafür, dass verschiedene Stürme dem Leben der Menschen zusetzen. Stürme sind Krisenerfahrungen. Sie verlangen den Beteiligten alles ab. Sie sind real und können auch häufig nicht vermieden werden. Seit der Antike setzte sich die Einsicht durch, dass gelingendes Leben trotz der Stürme möglich ist. Die antiken Philosophen wie Sokrates, Platon, Aristoteles u. a. haben das gelingende Leben an einen tugendhaften Charakter geknüpft. Charakter kann geprägt werden, Tugenden können eingeübt werden. Charakterbildung ermöglicht ein gelingendes Leben.

 "Charakterbildung geschieht nicht im Sturm, aber der Charakter erweist sich im Sturm. Und Stürme werden kommen."

 1. Charakterbildung hat August Hermann Francke (1663-1727) vorgelebt.

Kaum jemand wird wohl den Wert eines gefestigten Charakters bestreiten. Es scheint sich die Einsicht durchzusetzen, dass bei der heutigen Explosion des Wissens und der Informationsflut es zukünftig auf Charakter (Persönlichkeit) und Kompetenzen (angewandtes Wissen) ankommen wird. Den AHF-Kitas und -Schulen ist eine werte-orientierte Bildung von Anfang an wichtig gewesen. Hierbei ist auch das Vorbild des Namenspatrons, August Hermann Francke (1663-1727) prägend: Francke war ein ausgezeichneter Pädagoge seiner Zeit. "Er sammelte die verwahrlosten Kinder von der Straße, die daran gewöhnt waren, zu stehlen und das Gestohlene zu verkaufen. Er unterrichtete sie und gab ihnen Schulbücher mit nach Hause. (...) Er wollte in diesen heruntergekommenen Kindern die Ebenbildlichkeit Gottes entdecken und sie hervorlocken."2

2. Charakterbildung gelingt nur in Gemeinschaft.

Seit 2018 haben sich die AHF-Kitas und -Schulen auf zwölf Werte geeinigt, die in besonderer Weise die Kita- und Schulgemeinschaft prägen sollen. Diese Werte sind: Gottvertrauen, Gemeinschaft, Dankbarkeit, Selbstannahme, Ehrlichkeit, Vergebungsbereitschaft, Respekt, Gerechtigkeit, Dienen, Verantwortung, Kreativität, Fleiß.

Die Besonderheit dieser Werte-Konzeption liegt darin, dass sie sich auf Kinder, Jugendliche, Erzieher, Lehrer und  Mitarbeiter bezieht. Die Charakterbildung wird nicht umgesetzt, indem junge Menschen nur als Objekte der Charakterbildung angesehen werden, die auf diese Werte hin 'beschult' werden müssen. Vielmehr wird hier vorausgesetzt, dass erst in Gemeinschaft mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eine gelingende Werte-Pädagogik geschehen kann.

Die Festlegung der zwölf Werte bedeutet nicht, dass andere Werte wie etwa Mut, Klugheit, Exzellenz usw. nicht wichtig seien. Vielmehr waren hier pragmatische Gründe ausschlaggebend. Wie ein 'Ja' auch viele 'Neins' nach sich zieht, wollte man aus einer Vielzahl von Werten eine überschaubare Anzahl finden. Und so hat ein Gremium von 15-20 Personen in einem längeren und moderierten Prozess diese Entscheidung getroffen. Zum anderen braucht Charakterbildung auch stets einen Fokus. Charakterbildung kann nur dort gelingen, wo man sich auf bestimmte Werte bzw. Tugenden fokussiert. Die antike Philosophie hat mit ihrem Konzept der Kardinaltugenden ein gutes Vorbild dafür geliefert.

1 Scazzero, Peter (2015): Das Paulus-Prinzip. Warum Schwäche ein Gewinn sein kann. Marburg: Francke. S. 142-143.

2 Schneider, Sabine (2008): 20 Jahre AHF. Lage: Lichtzeichen. S. 30-31.

Bildnachweis: https://golive-solingen.de/die-axt-schaerfen-zeit-fuer-charakterbildung/

Ansprechpartner

Dr. Alexander Drews
Tel.: 05231 9216130
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