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„We don’t need no education” – don’t we?

1965 ist lange her – Ludwig Erhard war Bundeskanzler, SV Werder Bremen deutscher Meister, eine Feinunze Gold kostete 35,10 $ und die Musikband Pink Floyd erblickte das Licht der Welt. Es war letztere, die maßgeblich für die Erschaffung eines neuartigen Stils verantwortlich war – dem Psychedelic Rock – und sich als bedeutender Bestandteil der westlichen Popkultur durchsetzen sollte. Pink Floyd florierte. Inmitten einer allgemein antiautoritär ausgerichteten Jugendbewegung ließ sich der Bandleader Roger Waters (u.a. auf Grundlage seiner persönlichen Schulerfahrung) zu dem Welthit „Another Brick in the Wall“ inspirieren. Der Song handelt von einer zynischen und wenig warmherzigen Lehrerschaft, deren Primärziel darin zu bestehen scheint, Schüler durch Gedankenkontrolle gemäß einer vorgefertigten Blaupause zu einem unreflektierten Mitläufertum zu erziehen. „We don’t need no education, we don’t need no thought control, no dark sarcasm in the classroom, teachers let those kids alone”. Beim Lesen dieser Zeilen merkt die ewig-kritische Lehrkraft, wie sie innerlich gegen ihren tiefsitzenden reflexartigen Drang, den Rotstift zücken zu wollen, ankämpfen muss, um der doppelten Verneinung eben nicht auf der Stelle den Garaus zu machen. Also lieber keine Bildung? Allein lassen?

Wie verquer muss sich eine Kultur entwickelt haben, wenn „Anti-Bildung“ oder auch „Anti-Intellektualismus“ als vermeintliche Lösung ausgemacht wird? Ist vielleicht der erste Schritt in die richtige Richtung, einer autoritär anmutenden Pestalozzi Statue mit einer Flasche Bacardi etwas mehr den Swag aufzudrehen? (siehe Bild) Denn da wo man sich scheinbar genauestens im Klaren darüber ist, was man nicht möchte, müsste es doch auch etwas geben wofür man eintritt. Vielleicht Individualismus? Autonomie? Aber auch diese Konzepte müssten zunächst semantisch geklärt und dann innerhalb zahlreicher Dimensionen untersucht werden (psychologisch, soziologisch u.v.m.). Wie könnte all dies mit "no education" realisiert werden?

Anti-Intellektualismus ist wohl kaum ein neuartiges Phänomen und findet sich innerhalb des Christentums selbst in der frühen Kirchengeschichte wieder. Paulus schreibt an die Korinther: „Erkenntnis bläht auf“ (1 Kor 8,1), Wissen macht stolz. Wäre der logische Umkehrschluss demnach nicht: Umso weniger wir wissen, desto weniger Entfaltungspotential bieten wir dem Wind des Hochmuts, der im Menschen steckt? Es gibt seit jeher Christen, die einer derartigen Argumentation folgen und überzeugt sind, Wissen mache unausweichlich arrogant und Erkenntnis führe unweigerlich dazu, höher von sich zu denken, als es sich gebührt. Das einzige effektive Gegenmittel ist für manche hier nur die Flucht – vom Wissen und von der Erkenntnis.

Dieser Weg war selbst einem überaus gebildeten Christen der Antike bekannt – dem Kirchenvater Hieronymus (347-420). Es sollte ihm vorbehalten sein, eine der bemerkenswertesten Errungenschaften der frühen Kirche zu bewerkstelligen: die Verfassung der Vulgata. Dennoch rang auch er mit der Frage, wie Wissen und Lernen in Beziehung zum christlichen Leben gesetzt werde können. In einem Brief an Eustochium berichtet er von einem dramatischen Traum, in dem er vor den Richterstuhl Christi gezerrt wurde. Als der Richter ihn fragte, wer er sei, erwiderte Hieronymus: „Ich bin Christ!“. Der vorsitzende Richter bezichtigte ihn daraufhin der Lüge und verwies darauf, dass er ein Nachfolger Ciceros sei und eben nicht Christi, denn wo jemandes Schatz ist, da ist auch sein Herz (Mt 6,21). Hieronymus wurde augenblicklich stumm, denn er wusste, dass er Cicero lieber las, als die Bibel – der elegante Schreibstil sprach seinen Intellekt einfach mehr an. Hieronymus flehte um Barmherzigkeit und gelobte dem Richter, fortan kein heidnisches Buch mehr anzufassen.

In dieser Spannung leben Christen seit jeher. Wie viel Zeit sollte darauf verwendet werden, Wissen zu erweitern, zu lernen, unseren Verstand zu schärfen, und wie viel Zeit für den direkten Dienst an Gott und unserem Nächsten? Steht der Kopf i.d.R. dem Herz im Weg? Sollte auf höhere Bildung bewusst verzichtet werden, da Christen sich primär auf Glauben berufen?

Ein flüchtiger Blick in die Geschichte zeigt uns, dass z.B. die Puritaner eine hohe Denkkultur tiefgreifend wertschätzten. Sie waren nicht nur hochgebildet, brachten ihren Kindern (noch ehe sie sechs Jahre alt waren) Lesen und Schreiben bei, sondern gründeten ein College in dem kleinen Ort Newtown. Zu Ehren des Gründers John Harvard sollte das College seinen Namen erhalten. Einige Jahrzehnte später gründeten Kongregationalisten ein weiteres College, mit dem Namen Yale. Im Zuge der Erweckungsbewegung reifte für einige Presbyterianer der Wunsch heran, in New Jersey ein College entstehen zu lassen – das heutige Princeton. Und sie taten all dies, da in ihnen eine starke christliche Überzeugung vorlag, Gott mit dem Verstand zu dienen, den er uns anvertraute – ihn mit unserem gesamten Verstand zu lieben. Sie waren fest überzeugt, dass die Gemeinde Jesu als Leib auch ein Körperteil benötigt, der Bildung und Wissen im Fokus hat. Menschen sollten ausgebildet werden, anderen zu helfen, Gottes Wahrheit in all ihrer Reichhaltigkeit zu erkennen und ihr Leben danach auszurichten. Denn sie wussten, im Ringen um diese Wahrheit wünscht und verdient Gott die größte intellektuelle Liebesleistung, zu der wir im Stande sind. C.S. Lewis sagte dazu: „Gott hat für intellektuelle Drückeberger genauso wenig übrig wie für alle anderen Drückeberger. Wer Christ werden will, der […] lässt sich damit auf etwas ein, was den ganzen Menschen fordert, seinen Verstand und alles andere.“ (Pardon, ich bin Christ)

Als AHF-Schulen und Kitas ordnen wir uns demnach in einer langen christlichen Denktradition ein. Gott mit unserem Verstand zu lieben ist kein passiver Prozess – auch reichen sentimentale religiöse Gedanken hier bei weitem nicht aus. Vielmehr umfasst das beste christliche Denken Erkenntnisse über Gott und die Welt – basierend auf Offenbarung, Beobachtung und sorgfältiger Abwägung (und natürlich umfasst dies auch heidnische Literatur). In diesem Prozess geht es aber eben nicht um einen kühlen Rationalismus, der den menschlichen Verstand zum Zentrum des Universums erhebt, sondern um die angemessene Verwendung unserer Gott-gegebenen kognitiven Fähigkeiten, ihn und die von ihm geschaffene Welt zu erkennen.

Eine solche Erkenntnis führt unweigerlich zu Demut, denn sie erkennt nicht nur das Ausmaß der eigenen Unkenntnis (Albert Einstein), verortet ihren Ursprung in den Gedanken des Schöpfers, sondern weiß sich in der Liebe eingebettet (nach Paulus, 1 Kor 8) – und nur da, wird sie für den Wissenden zu etwas, das nicht die eigene Arroganz, sondern andere Menschen aufbaut.

Bildnachweis: Photo by Xavier von Erlach on Unsplash

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